Die junge Frau bedankt sich bei dem Fremden mit einem kleinen Nicken, der scheinbar ungern unter so vielen Leuten und an diesem Ort ist. Das Gasthaus ist voll, zu viele Stimmen, die gleichzeitig sprechen und Gäste, die seinen Tisch belagern. Doch obwohl er aussieht, als hätte man ihm warmes Bier serviert, teilt er sein Getränk mit ihr. Erstaunlich dunkel und dickflüssig schwappt der große Schluck in ihrem Gläschen und als sie es näher zu ihrem Gesicht hebt, steigt ihr ein sehr intensiver Geruch in die Nase. Ihr Instinkt warnt sie, dass diese Flüssigkeit mehr Potential hat als der Schnaps davor.
Kurz überlegt sie vernünftig zu bleiben, den Inhalt verschwinden zu lassen und keine Experimente zu wagen. Doch dann schaut sie zu ihrem unfreiwillgen Gefängniswärter und ihre Augen werden zu Schlitzen. Der Kerl, wie war noch sein Name Carlo oder so, war sicher nicht der erste den man hinter ihr hergeschickt hat, nur der erste so hartnäckige, dem es auch gelungen ist sie zu schnappen. Selten kam es vor, dass derjenige, dem sie die gewünschte Information auf eine oder andere Weise entlockt, sich hinterher dessen bewusst ist und deshalb wütend auf Rache sinnt. Diesmal musste die Belohnung wirklich hoch gewesen sein oder der Typ, der selbst aussieht wie ein Verbrecher, eben sehr motiviert. Sein Selbstbewusstsein könnte selbst einen der Adler erreichen, über die gerade noch gesprochen wurde und allein, dass er nun für sie verantwortlich ist und bei jedem Verstoß zur Rechenschaft gezogen würde, machte seine Gesellschaft etwas erträglicher. Mit einem der kleinen, fiesen Grinser, die sie ihm immer gezeigt hat, wenn sie wieder entkommen war, nimmt sie nun also das Glas zum Mund und kippt sich den gesamten Inhalt hinein.
Was sie nur einen Moment später bereut. Zuerst ist es schärfer wie ein Rettich und treibt ihr die Tränen in die Augen, doch noch während sie die Brühe im Mund hat, unfähig und unwillens zu schlucken, wird es tatsächlich schlimmer und schlimmer. Geschmacksnuancen erreichen ihren Gaumen, nicht sanft und mild wie bei einem guten Wein, sondern unbarmherzig wie ein Hammer, der sie bis ins Mark erschüttert. Sie kann nicht sagen, woraus dieses Teufelszeug gemacht ist, meint in einem Moment in einen sehr alten, sehr würzigen Käse gebissen zu haben, dann bitteren Sud von Kräutermedizin zu schmecken, durchdrungen und überlagert von Alkohol, den man besser zum Bleichen von Leder verwenden sollte. Alles in ihr schreit danach das Zeug einfach in hohem Bogen auszuspucken, auch wenn es sich vielleicht entzündet wie bei Feuerschluckern auf dem Markt. Aber ihr Stolz verbietet es, ihre Schwäche so offen einzugestehen, nicht vor all den Leuten und sicher nicht vor ihm.
Also bietet sie all ihren Willen auf, um das Gesöff ihre Kehle hinunter zu bewegen und hofft, dass es dort kein Loch in ihren Magen brennt. Sie atmet sehr flach ein und aus, während sie sich insgeheim an der Stuhllehne ihres Gönners, oder sollte sie sagen Giftmischers festhalten muss. Ihr Mund fühlt sich fast taub an und gleichzeitig, als hätte den buschigen Schweif eines Eichhörnchens auf ihren Zähnen. Eher leise und mit belegter Stimme bringt sie nur ein Wort hervor. „Außergewöhnlich“ was so ziemlich die Untertreibung des Jahrhunderts sein muss. Etwas weich in den Knien versucht sie dann überall hin zu sehen, nur nicht auf denjenigen, der ihr die Hände gefesselt hat.