Hallo! Leider bin ich noch immer etwas im Zeitverzug bei den Kapiteln und komme erst jetzt mit dem zweiten Kapitel zum Ende.
Das zweite Kapitel beginnt mit einem erleichterten Luftholen: Zum Glück ist der Spuk vorbei, jetzt kann ich erst mal in Ruhe die Küche aufräumen. Die trügerische Ruhe wird jäh unterbrochen durch den Auftritt Gandalfs, der etwas tut was er später (im Film) als „a little nudge out of the door“ beschreiben wird. Der Begriff des „Nudging“ ist ja zur Zeit etwas populär, doch geht Gandlfs Verhalten wohl über das hinaus, was man heutzutage im politischen Kontext damit verbindet. Gandalf lässt im Grunde keine Wahl: „No time for that! … No time for that either!“. Unterschied Buch/Film: Bilbo rennt im Film kurzentschlossen von alleine los, Gandalf ist nicht dabei.
Die Geschwindigkeit, mit der Bilbo nun von Hobbiton nach Bywater flitzt, zeigt an, dass es jetzt so richtig mit der Handlung losgeht. Besonders schön für Hobbitfreunde: Die erstmalige Erwähnung des bekannten Gasthauses „The Green Dragon“.
Also zieht die Reisegesellschaft los. Die Geographie dieser Reise ist im „Hobbit“ nicht so präzise ausgebildet. Es werden alte Burgruinen mit einem „evil look“ erwähnt. Meiner Meinung nach ist es müßig, sich zu überlegen, um was für aus dem „Herrn der Ringe“ inklusive Anhängen bekannte Bauwerke es sich handeln könnte. Die Welt des „Hobbit“ war zur Zeit seiner Abfassung noch nicht explizit als „Mittelerde“ definiert. Die Landschaftsbeschreibung mit den „böse“ aussehenden Ruinen soll nach Kinderbuchart einfach nur eine „abenteuerliche“, vielleicht auch „gruselige“ Stimmung verbreiten, so wie auch der Umstand, dass es in diesen Gegenden keine guten Gasthäuser mehr gibt. Man verlässt also die „Zivilisation“ und begibt sich in die „Wildnis“. Eine nähere geographische Vorstellung hiervon bekommt der Leser nicht und braucht sie auch nicht. Zudem ist dies ja auch aus Sicht Bilbos geschrieben, der zwar Landkarten mochte und besaß, aber nur solche seiner näheren Umgebung, in die er seine Lieblingsspaziergänge eintragen konnte. Diese Distanzen überstiegen aber das Vorstellungsvermögen des bisher sehr provinziellen Hobbits. Da ist es kein Wunder, dass er keine genauere geographische Beschreibung liefert. Man stelle sich vor, ein „Landei“ kommt zum ersten Mal in seinem Leben in eine Großstadt wie Rom oder New York und soll dann einen Reisebericht schreiben. Das wird schiefgehen.
Und nun wird auch noch das Wetter schlechter. Kein besonderes Vergnügen, zu Fuß kilometerweit durch den Regen stapfen zu müssen, und das noch ohne Jack-Wolfskin- oder Engelbert-Strauss-Bekleidung. Kein Wunder, dass Bilbo sich wünscht, wieder in seinem schönen Zuhause gemütlich am warmen Kamin zu sitzen und Tee zu kochen – ein Running Gag, der fast in jedem Kapitel wieder auftaucht, und jedesmal mit der Bemerkung „not for the last time!“
Der Wunsch nach einem warmen Feuer geht gründlich schief: Erst bekommt man kein Feuer an, dann stellt sich die einzige funktionierende Feuerstelle in der ganzen Gegend als Trollcamp heraus, was Bilbo leider zu spät feststellt bzw. sich dabei auch zu blöd anstellt. Ihm fehlt eben noch die Übung in Abenteuern und in den Regeln der Diebstahlskunst. Man kann natürlich auch an dem Sinn des Ganzen zweifeln, wenn die Zwerge dem Hobbit als Notrufsignal ausgerechnet die Rufe zweier verschiedener Eulenarten vorgeben anstatt von etwas Einfacherem. Dachten sie, Bilbo sei Hobby-Ornithologe? Aber natürlich ist dieser Gag für die kindlichen Leser gedacht, die an der Stelle mit den Eulenrufen sicher schon ahnen, dass das schiefgehen wird. Die sprechende Tasche natürlich auch. Und, schon an dieser Stelle vorab genannt, auch der Seitenhieb auf die „zweiköpfigen Trolle“
Die drei Trolle werden als ziemlich ungehobelte Kerle mit einem Unterschichten-Jargon vorgestellt, der in den Hörbüchern sowohl von Rob Inglis als auch von Andy Serkis genüsslich als Cockney-Englisch zelebriert wird, wie es einem Roman von Charles Dickens entnommen sein könnte. „Shut yer mouth!“ … „Lumme, if I knows! What are yer?“ Bilbos missverstandene Antwort „a burrahobbit“ klingt leider in den deutschen Übersetzungen leider nicht ganz so witzig wie das Original (ein Verbesserungsvorschlag fällt mir gleichwohl nicht ein). Schön ist auch das Wortspiel mit „alle“ und „keiner“, das von den Trollen ganz plausibel erklärt wird: „No burrahobbits, but lots of these here dwarves.“ Am Ende sind alle Zwerge gefangen und befinden sich zum ersten Mal auf ihrer Reise in einer wirklich bedrohlichen Situation, die aber – Kinderbuchfaktor! – auf humorvolle Weise gelöst wird: Ein heimlich hinzugeschlichener Gandalf betätigt sich in Bauchrednermanier als Stimmenimitator und löst einen derart langwierigen Streit zwischen den Trollen über die bevorzugte Zubereitungsart von Zwergen aus, dass die Trolle in dem ganzen Hin und Her nicht mehr auf die Uhrzeit achten und schließlich vom Sonnenlicht überrascht werden, welches sie in Stein verwandelt. (Dass sie die Sommer-/Winterzeitumstellung verpasst haben könnten, dürfte auszuschließen sein, da der Vorfall sich Anfang Juni abspielt.)
Nun sind alle wieder befreit, suchen und finden den Eingang zur Trollhöhle und versuchen sie zu öffnen. Bilbo lässt sie eine Weile suchen und offenbart erst dann, dass er einen Schlüssel gefunden hat. Was soll das eigentlich? Warum lässt er die Zwerge sich erst müde suchen und platzt dann mit der Nachricht heraus? „Why on earth didn’t you mention it before?“ Und als sie dann die Elbenschwerter/-dolche finden, warum kann dann Gandalf eigentlich nicht die Inschriften lesen? Auch wenn seine Backstory (Abgesandter der Götter) erst später entwickelt wurde, wird er doch auch schon im „Hobbit“ als weise dargestellt. Da sollten doch einige grundlegende Fremdsprachenkenntnisse dazugehören. Eine weitere Frage stellt sich mir in der Trollhöhle, das ist mir gerade erst aufgefallen: Wenn doch in der Höhle Brot, Käse, Bier und Schinken aufbewahrt werden – warum beschweren sich die Trolle dann untereinander darüber, dass es ständig nur Hammelfleisch zu essen gäbe? Nun ja, wir können sie nicht mehr fragen, sie sind ja versteinert.
Am Ende gibt es noch eine Art „Sneak Peek“ auf das nächste Kapitel: Man wird in ein paar Tagen nach Rivendell/Bruchtal kommen, wo Elronds Leute wohnen. Mehr wird aber nicht verraten! So in etwa die Aussage Gandalfs zu Bilbo. Na, da kann man sich ja auf ein schönes drittes Kapitel freuen!