Ich stoße etwas verspätet hinzu, habe vor lauter Staub den Login-Knopf nicht rechtzeitig gefunden.
Ich bin tatsächlich überrascht, dass ich hier so wenig Negatives vorfinde. Hätte ich echt nicht gedacht. Vielleicht habt ihr die ganzen Teaser und Trailer vorher schon geschaut und konntet eure Erwartungen etwas zurückschrauben. Um mal ein wenig neues Feuer hier rein zu bringen: Ich bin maßlos enttäuscht von der Serie. Der Reihe nach:
1) Das Erste, was wir sehen, ist ein Blick nach Valinor, wunderschön anzuschauen - und sofort zanken sich Elbenkinder wie Kinder auf dem Schulhof nebenan?! Wow, nicht nur optisch haben die Elben in der Serie an Tolkiens Glanz verloren.
2) Dann eine inhaltliche Sache, die sich durch bisher jede einzelne Folge zieht: Ständig behilft sich Amazon mit sog. "mystery boxes" - Geheimnissen, die mal eine Folge lang, mal über mehrere Folgen lang geheimgehalten und schließlich auch für den Zuschauer gelüftet werden. Was für eine Kunst des Regisseurs ist es, dem Zuschauer einen gewissen Inhalt vorzuenthalten und später das Geheimnis zu lüften? Dass Frodo vom Höhlentroll doch nicht getötet wurde ist eine der wenigen Szenen des HdR, die mir einfällt, wo solches auch dort zutrifft. Doch diese wurde wunderbar und sorgfältig aufbereitet und ist immer noch, jedes Mal erstaunlich anzuschauen. Finrods "Geheimnis" an seine kleine Schwester, wie man Gut und Böse voneinander unterscheiden kann... kein Geheimnis, auf das ich scharf bin. Der Meteor-Mann dagegen ist doch eine super Sache! Aber warum muss die Serie bespickt sein mit solchen "mystery boxes"? Einfach nur schwaches Storytelling aus meiner Sicht.
3) Wo wir beim nächsten Punkt angekommen sind. Das Storytelling wirkt wie ein schlechter Hollywoodfilm, bei dem man sich ärgert, Geld fürs Kino ausgegeben zu haben. Galadriel zieht Aragorn, Legolas und Gimli nachahmend auf eine Hetzjagd mit ihren Gefährten. Sie schlagen sich durch Gefahren hindurch, überstehen extreme Witterungsbedingungen und trotzen Wind, Wetter, Hunger und Feinden - nur damit die netten Jungs mit ihren freshen Haarschnitten ihrer Anführerin sagen, dass sie plötzlich genug haben. Nachvollziehbar...
Zum werkübergreifenden Storytelling halte ich mich zunächst mal zurück. Ich teile da bisher die Ansichten @Buchfaramir aber hoffe inständig, dass Amazon ihre Protagonistin noch ein plausibler gestalten und inszenieren werden. BIsher ist das für mein Empfinden (nicht nur in Hinblick auf die Lore) nicht der Fall.
4) Den Kampf gegen den Schneetroll sehe ich ähnlich wie @BasedTolkienist. Die Elbenkämpfer wirken behilfslos und unerfahren im Kampf, werden zerschmettert und schauen mit staunendem Mund Galadriels nettem Showoff zu. Der Stoß mit dem Dolch durch den Trollschädel hätte auch nicht sein müssen. Es ist der erste wirkliche "Kampf", den wir in der Serie an der Seite unserer Protagonistin miterleben könnten, und dann werden wir damit abgespeckt, dass Galadriel die coolsten Moves drauf hat und den Troll wie ein Badass noch kurz Zeit gibt, einen fallenden Balrog zu imitieren und jemanden mit in den Tod zu ziehen, nur um ihm natürlich einen Schritt voraus zu sein und ihn spektakulär zu töten. So inszeniert man die Protagonistin doch auf eine schmackhafte Weise...
Und dass ihre Moves ähnlich sind wie die von Legolas, Tauriel oder Thranduil in der Hobbit-Trilogie, spricht ebenfalls Bände. Ich würde nur wenige Kampfszenen der Trilogie als mitreißend oder gut beschreiben. Im HdR lösen Legolas' Spektakel ein wenig von der unglaublichen Spannung, die jeweils in den Schlachten von Helms Klamm und auf den Pelennor-Feldern zuvor aufgebaut wurde.
5) Elrond bzw. die Elben generell. Dem Schauspieler vermag ich nichts vorzuwerfen, da ich nicht weiß, inwieweit die Figur einfach so geschrieben wurde. Aber Elrond, der Herold von Gil-Galad, der spätere Träger von Vilya, späterer Leiter des Weißen Rats, künftiger Herr von Bruchtal ... DAS soll er sein? Ich finde, der Figur fehlt es an jeglichem Stolz, jeglicher Anmut, jeglicher Magie, welche die Elben im HdR innehaben (von Celebrimbor ganz zu schweigen). Wenn man im Silmarillion von den Elben liest, wenn man im HdR von ihnen liest, selbst im Hobbit: Elben haben etwas, was uns anzieht, wir aber nicht fassen können. Wie das Licht der Sterne. Wie Feen und Elfen in keltischen Märchen und Sagen. Jackson ist es mMn im HdR eindrucksvoll gelungen, diesen "Schleier" - der bei Tolkien über den Elben liegt und genauso viel über ihr Wesen offenbart, wie er auch bedeckt - in Bild und Ton darzustellen. Was macht "The Rings of Power"? Jeder zweite Elb könnte bei meinem Friseur nebenan als Werbemodel zu sehen sein. Und die andere Hälfte müsste der Barbierzunft angehören, um die ganzen freshen Haarschnitte aufrechtzuerhalten. C'mon, was ist das?! Einfach nur lächerlich! Elben, die man nicht ernst nehmen kann! Und die, die man ernst nehmen könnte, wie Gil-Galad z.B., gehören anscheinend der Kategorie "alter, weißer Mann" an. Wie schlecht kommt Gil-Galad bitte weg? Führt er im Silmarillion zusammen mit den Númenorern den Kampf gegen Sauron an, wird er hier wie ein ignoranter, konservativer Stiefvater charakterisiert, der zudem die Macht hat, die verbannten Noldor einfach doch nach Valinor zurückzuschicken, um sich damit auch noch dem Willen der Valar zu widersetzen...
6) Langweilige Dialoge: Das Gespräch zwischen Galadriel und Elrond ist wie so viele Dialoge träge, uninteressant in Bezug auf Hintergrundinformation oder zusätzlicher geschichtlicher Kontext aus der Lore und hat nur wenig Mehrwert für die Handlung. Freundin hier, du darfst das nicht tun dort, du bildest dir das nur ein, verweigere dich nicht der Pflicht ... Galadriel scheint wie eine starke Frau aufzutreten. Doch tatsächlich werden alle (Männer) um sie herum einfach nur kurzsichtig und unplausibel inszeniert.
7) Der Sprung von Galadriel und die Flucht vor Valinor: Habe ich mich vorhin bei der Trollkampfszene beschwert, dass Amazon keinen dramatischen Aufbau beherrscht? Jap! Wurde der Sprung von Galadriel vom Schiff dramatisch aufgebaut? Jap! Sollte ich mich deswegen korrigieren? Nope! Wie unnötig und wie lange möchtest du eine offensichtliche und erwartbare Handlung dramatisieren? Amazon: Ja! Kein Mensch der Welt hat auch nur für einen Bruchteil einer Sekunde geglaubt, dass Galadriel nach Valinor reisen wird. "Oh, Galadriel scheint unsere Protagonistin zu sein. Oh nein, sie bekommt die Ehre zugeteilt, nach Valinor zu reisen, dann wird sie ja für immer oder zumindest für mehrere hundert Jahre dort bleiben. Nun gut, dann geht es eben erstmal ohne unsere Protagonistin weiter..." Es macht mir Hoffnung, dass Amazon zumindest in der Lage ist, überhaupt Dramaturgie einzubauen. Nur bitte dann auch an den Stellen, die auch einen dramatischen Aufbau erfordern? Und nicht in Szenen, die unsere Protagonistin wie die größte Deppin dastehen lässt. Es hätte doch von wirklicher Stärke bezeugt, wenn sie Gil-Galad ins Gesicht gesagt hätte, dass sie nicht eher wiederkommen wird, ehe der Feind besiegt ist. Bam - schon hat man eine zwar klischeehafte, hollywoodreife Spannung erzeugt, aber man sieht bei der Protagonistin einen eisernen Willen und ist gespannt, wohin sie dieser Wille tragen wird, der zudem wunderbares Potenzial zur Charakterentwicklung birgt. Was bekommen wir von Amazon präsentiert? Galadriel heult sich bei Elrond aus, tötet den Hohen Elbenkönig mit ihren Blicken und fährt dann letztlich trotzdem wie ein braves Schoßhündchen mit, nur um AM ARSCH DER WELT mit Meilen um Meilen von irgendeinem Fleckchen Land entfernt vom Boot zu springen. Ganz im Ernst, habt ihr euch nicht verarscht gefühlt, als Galadriel ins Wasser gesprungen ist, das Boot verschwunden ist und sie dann einfach munter drauf los schwimmt? Ich kriege schon beim Schreiben wieder nen Puls.
Allerdings hatte die Folge für mich auch einige Lichtblicke:
- Arondir hat zwar keine langen Haare aber beweist, dass mit der richtigen Schauspielerwahl Elben auch im Jahr 2022 edel, anmutig und stolz wirken und einen unnahbaren Schein bewahren können. Auch wenn diese Beren-Luthien-Liebesstory 3.0 mir auch ein wenig sauer aufstößt, aber ich kann nichts gegen den bisher einzig akzeptablen Elben der Serie sagen - er ist alles was ich habe.
- Landschaft: Solange kein Inhalt und keine Charakter involviert sind, kann sich die Amazonserie mit der neusten Technik und all ihrem Geld zeigen lassen. Zumindest die Naturbilder bringen einen Duft von Tolkiens Magie mit sich.
Ich will hier weder meinen Unmut stupide freien Lauf lassen noch euch die Stimmung versauen. Ich gebe zu, dass es mir schwer fällt, meine Meinung zur Serie objektiv und neutral kundzutun, aber ich bin dennoch interessiert an einem kontroversen Austausch und wollte zu dem sonst sehr positiven Eindruck der meisten noch ein paar andere Perspektiven entgegenhalten.