@ Torshaven,
vielen Dank. Ich wollte in der Tat ganz sachlich berichten, was mich bewegt.
In einem Interview das Ende 1979 oder Anfang 1980 in einer Nachtsendung des BFBS (British Forces Broadcasting Service) Germany ausgestrahlt wurde,
hat Christopher Tolkien zu den Beweggründen zur Veröffentlichung des Silmarillion ausgeführt, dass es überraschenderweise ein Interesse an den Geschichten hinter der Geschichte des Rings gebe. Er sehe sich genötigt – das ist sicherlich nicht die wörtlich korrekte Übersetzung von „forced“, aber entspricht meiner damaligen Wahrnehmung – weitere Texte zu veröffentlichen. Sein Vater habe den Lesern des HdR eigentlich viel umfassendere Anhänge versprochen, als dann tatsächlich von Georg Allen & Unwin zugestanden wurden. Er habe also versuchen, aus dem vorhandenen Material Texte auszusuchen und in einem sinnvollen Zusammenhang zu stellen. Er wolle dies auf keinen Fall Fremden überlassen, da er aus seinen Gesprächen mit seinem Vater dessen Intention am Besten beurteilen könne.
Das ist keine wörtlich Wiedergabe des Gesprächs, sondern eine verkürzte Zusammenfassung dessen, was ich damals verstanden habe und nach über vierzig Jahren aus meinen Erinnerungen 'heraus kramen' kann. Die sind wahrscheinlich genau so selektiv und subjektiv, wie die jedes anderen, der nach so langer Zeit den Inhalt einer gehörten Radiosendung wiedergeben soll.
Es ist meine Interpretation, dass Christopher Tolkien die Deutung des Werkes seines Vaters niemand anderem überlassen wollte. Aber von vielen, mit denen ich mich im Laufe der Jahre darüber unterhalten habe, wurde diese Einstellung geteilt. Die Einführungen zu den von Christopher Tolkien editierten Büchern haben mich zudem in dieser Interpretation auch eher bestärkt. Christopher Tolkien hat mehrfach zumindest sinngemäß ausgeführt, dass er auswählt und kommentiert, zum Teil sogar 'literarisch' bearbeitet, wie bei „Die Kinder Hurins“ (DKH). Er beschreibt ja zum Teil – siehe die Einführung zu den NaM – sehr detailliert das was, wie und warum seiner Bearbeitungen. Im Anhang 2 zu DKH, gebundene Ausgabe von Klett-Cotta aus dem Jahr 2007, schreibt er u. A. auf Seite 302: „Der Text (der Narn i Hîn Hurin aus den NaM) war außerdem unvollständig ...“. Oder auf Seite 306: „An dieser Stelle muss ich darauf hinweisen, dass ich aus dem Text zwei Passagen weggelassen habe, die ich in NaM eingefügt hatte, die aber für die Geschichte nicht relevant sind.“
Christopher Tolkien wählt also aus, lässt weg, beurteilt die Relevanz, schreibt aber nirgendwo, dass er alle mit den DKH zusammenhängenden Texte nun in diesem Buch oder der HoME veröffentlicht hat. Also liegt die Frage nahe, ob den inzwischen alles veröffentlicht wurde, wenn dies 2007 noch nicht einmal für DKH klar war.
Aus meiner Sicht ist es selbstverständlich, das ein Autor und ein Editor, erst Recht wenn er ein Familienmitglied ist, auswählt, was er von dem vorhandenen Werk veröffentlichen will. Insofern kann ich darin nichts 'ehrenrühriges' sehen, wenn Christopher Tolkien dies getan hat. Ich kann den Anspruch, dass jeder von J.R.R. Tolkien geschriebene Text von ihm veröffentlicht werden musste, eh nicht nachvollziehen.
Trotzdem oder gerade deshalb freue ich mich auf das neue Buch.