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Tolkien & Rassismus


Caivallon
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Ich denke gathames Erklärung war sehr gut. Was ist denn eine Gesellschaft, wenn nicht die Summe der Individuen? Und wir, die wir Teil der gesellschaftlichen Mehrheit sind sagen oder machen manchmal Dinge, die Rassistisch sind, ohne es zu merken. Da geht es nicht unbedingt um das krasse Zeug, sondern darum, dass z.B. Lehrer beim Elterngespräch schon mal davon ausgehen, dass es eine Sprachbarriere geben wird wenn eine Mama mit Kopftuch am Elternsprechabend zur Tür reinkommt.

Das muss nicht mal unbedingt böse gemeint sein und kann auch teilweise auf Erfahrungen beruhen. Für die Schüler-Mama ist es aber doch wieder einer von Zug tagtäglichen Nadelstichen, wenn der Lehrer offensichtlich ganz langsam und deutlich mit ihr spricht, obwohl sie vielleicht selber in Deutschland geboren wurde und einen Abschluss in Germanistik hat.

Ich weiß nicht, ob "ich glaube nicht an strukturellen Rassismus" die richtige Grundhaltung ist um ergebnisoffen über Rassismus zu diskutieren.

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vor einer Stunde schrieb beadoleoma:

Ich weiß nicht, ob "ich glaube nicht an strukturellen Rassismus" die richtige Grundhaltung ist um ergebnisoffen über Rassismus zu diskutieren.

Okay. Hier werden offenbar "Grundhaltungen" für falsch oder richtig gehalten.

Soweit sind wir schon,.

Ich bin draußen aus diesem Thread. 

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Am 22.3.2021 um 14:12 schrieb gathame:

Ich habe meine Meinung nicht geändert, schon allein deshalb nicht weil ich eben noch keine feststehende Meinung zu diesem Thema hatte. Und genau das ist wahrscheinlich das Problem. Die Sache läuft bei mir irgendwie zweigleisig. Vom Verstand her sehe ich die hier vorgebrachten Argumente die besagen dass Tolkien und sein Werk eben gerade nicht rassistisch sind. Diese Argumente sind einleuchtend, und wenn ich hier wissenschaftlich diskutiere (das heißt so wissenschaftlich wie ich das halt kann) stimme ich ihnen zu. Aber das verändert, wie ich mehr und mehr merke, mein irrationales Gefühl nicht dass da in dieser Hinsicht "etwas nicht stimmt". - Ist unglücklich formuliert, ich weiß, aber anders kann ich es nicht ausdrücken.

Wahrscheinlich sollte ich es lieber bleiben lassen dieses Thema zu diskutieren.

Ich werde hier jetzt keine wissenschaftlich Abhandlung reinbringen, ob Tolkien Rassist war. Aber ich glaube, ich verstehe, was Gathame meint, wie sie zu ihrem unguten Gefühl bezüglich Rassismus kommt.
Und weil ich ein unverbesserlicher Anhänger von Beispielen bin, formuliere ich es anhand eines Beispiels und vielleicht kann Gathame dann rückmelden, ob ich richtig liege.

Wenn man gestalked wird, dann sind das viele kleine Dinge, die einem stören. Kerl X steht morgens vor meinem Haus und grüßt. Das ist für sich genommen kein Grund, sich aufzuregen. Kerl X steht an der Schlange im Café hinter mir. Er wollte halt auch einen Kaffee, kein Grund sich aufzuregen. Kerl X sitzt in der Pizzeria gegenüber und schaut mir beim Essen zu. Mei, ich sitze in seiner Blickrichtung, keine Sorge.
Kerl X ruft an und entschuldigt sich, weil er sich verwählt hat, er nimmt ein Päckchen für mich an, weil er da war und ich nicht.
Ich will das gar nicht länger ausbreiten, ihr wisst, was ich meine.
Jedes einzelne Ereignis für sich ist absolut erklärbar und überhaupt kein Grund, sich aufzuregen.
Alle Ereignisse zusammen genommen, machen ein ungutes Bauchgefühl. Und es ist genau das Problem, jemandem, einem Polizisten oder seiner besten Freundin zu erklären, warum man sich Sorgen macht und unwohl fühlt. Man kann den Finger nicht auf ein bestimmtes, alles erklärendes Ereignis legen.
Es ist die Summe der kleinen Dinge, die einen insgesamt stört
@Gathame: Komm ich damit deinem Empfinden nahe?

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Wie du gesehen hast bin ich auch ein unverbesserlicher Anhänger von Beispielen. Die stimmen selten ganz genau, aber sie sind eine große Hilfe um klar zu machen was man meint. und dein Stalking-Beispiel kommt dem was ich gemeint habe wirklich sehr, sehr nahe.

Und ich glaube auch dass wir in dieser Diskussion nicht an dem Thema "struktureller Rassismus" vorbeikommen. Ich glaube sogar dass es hier vor allem genau darum geht. Aggressiven und direkten Rassismus werden wir bei Tolkien vermutlich wirklich nicht finden, dazu war er zu intelligent, und dazu hatte er auch zu viel Stil.

Aber Rassismus ist eben nicht immer laut und deutlich und aggressiv, Rassismus muss nicht mal notwendigerweise böse gemeint sein. Beadoleoma hat da ein Beispiel geschrieben das die Sache sehr genau trifft: die Mutter mit Kopftuch beim Elternabend, und der Lehrer spricht langsam und deutlich mit ihr weil er automatisch unterstellt dass sie nicht so gut deutsch kann. Vielleicht hat er ja sogar recht, dann ist das wirklich hilfreich, und in jedem Fall will er der Frau nichts Böses, er will ihr helfen. Aber auf diese Frau wirkt das vielleicht vollkommen anders, sie empfindet es so dass sie mal wieder nicht ernst genommen und für blöd gehalten wird.

Mir geht es tatsächlich um strukturellen Rassismus bei Tolkien. Ich werde mir sowie ich Zeit dazu kriege mal einen Tolkien-Text vornehmen und an diesem Text zu erklären versuchen was ich meine.

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Zweierlei habe ich heute festgestellt. Erstens: nach einem geeigneten Text zu suchen und den dann zu analysieren wird zu langwierig. Und zweitens (durch etliches Nachlesen in den alten Beiträgen in diesem Thread): es geht hier tatsächlich um strukturellen Rassismus. Und um zu zeigen wo man den zum Beispiel in "Herr der Ringe" erkennen kann brauche ich erst mal keine Textzitate, das kann ich auch an Beispielen zeigen die uns vermutlich allen gegenwärtig sind.

Aggressiven Rassismus, im Sinne von massiv abwertenden Äußerungen gegen andere Völker, sehe ich in "Herr der Ringe" tatsächlich nicht, außer eventuell irgendwann mal in einzelnen Äußerungen einzelner Figuren. Solche Reaktionen gibt es allenfalls auf die Orks, und die sind ein Sonderfall, da sowohl im Buch als auch in der Verfilmung eindeutig klar gemacht wird dass dies kein Volk im üblichen Sinne ist sondern im Grunde das Ergebnis von Zuchtversuchen und/oder künstlichen Veränderungen im Erbgut. 

Was ich allerdings sehe, und zwar durchgängig, ist, dass man bestimmten Völkern als Ganzes bestimmte Eigenschaften zuschreibt. Das müssen nicht mal schlechte Eigenschaften sein, aber sie werden halt als typisch für das gesamte Volk beschrieben. Zwerge sind fleißig und geschickte Handwerker. Das kann natürlich zutreffen, wahrscheinlich sogar auf eine ganze Reihe von ihnen, aber was ist bitte mit dem Zwerg der "zwei linke Hände hat" und den es mit Sicherheit auch gibt? Hobbits sind desinteressiert an allem was sich jenseits ihrer Landesgrenze abspielt. Und was ist mit Bilbo, der ja nun zweifellos ein Hobbit ist und sich eben genau dafür interessiert?

Irritierend finde ich auch die zahlreichen ausführlichen Stammbäume, insbesondere die der Hobbits, die ja im Gegensatz zu denen der Menschen- oder Zwergenkönigen für die Handlung völlig belanglos sind. Und auch hier werden den Familien bestimmte Eigenschaften unterstellt die man dann bei jedem Mitglied dieser Familie vorzufinden erwartet.

Genau dies sind die Dinge, die mich an "Herr der Ringe" stören: da wird eigentlich dauernd unterstellt dass jemand so oder so ist, einfach weil er einem bestimmten Volk oder einer bestimmten Familie angehört. Und genau da, wo man anhand der Herkunft annimmt wie jemand ist und welche Eigenschaften er hat, fängt für ich der strukturelle Rassismus an.

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  • 4 weeks later...

Kleiner Disclaimer zu Anfang: Ich habe nicht alle 30 Seiten dieses Threads gelesen, bevor ich meinen Beitrag hier verfasst habe und möchte mich deshalb entschuldigen, falls ich etwas schreibe, dass bereits gesagt wurde o.ä.

Was gathame anführt, ist wohl richtig. Es werden Völkern und Familien schlicht aufgrund ihrer Herkunft bestimmte Eigenschaften zugeschrieben, und wenn mir jemand in einem Gespräch erzählen würde, dass z.B. alle Türken faul wären, einfach weil das in ihrer Natur läge, so wäre diese Person auf jeden Fall rasisstisch. Das wäre nicht tolerabel und steht hier nicht zur Diskussion.

Dennoch frage ich mich, inwiefern es sinnvoll ist, die Probleme unserer Welt auf eine ausgedachte Zivilisation zu projizieren. Und dabei verneine ich keineswegs, dass die reale Welt und ihre Strukturen Einfluss auf den Autor und seine Geschichte hatten. Können wir überhaupt, und wenn ja inwieweit, aufgrund der Phantasie eines Menschen auf seine Geisteshaltung zurückschließen?

Bzw. anders gefragt: Schriebe ich ein Buch und meine erdachten Charaktäre würden den Krieg gutheißen, könnte ich als Autor dennoch Pazifist sein? (Vielleicht nicht das beste Beispiel aber das, was mir grad in den Sinn kam.)

 

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  • 3 weeks later...

Hallo zusammen,

 

ich bin ja nun neu hier und habe zugegebenermaßen noch nicht den gesamten Thread durchgelesen. Das werde ich aber wahrscheinlich noch. Heute Abend möchte ich zum einen ein paar Ressourcen zum Thema hier hineinwerfen - wenn die ganz oder teilweise schon verlinkt wurden, bitte ich um Entschuldigung.

Los geht es mit zwei Episoden des Prancing Pony Podcast zum Thema:
https://theprancingponypodcast.com/2019/02/24/114-race-tolkien-and-middle-earth/
https://theprancingponypodcast.com/2021/01/10/192-race-tolkien-and-middle-earth-revisited/

Und dann Dr. Dimitra Fimis großartiger Blogbeitrag, mit dem Sie 2019 den Tolkien Society Award gewonnen hat:
https://theconversation.com/was-tolkien-really-racist-108227

Ebenfalls von Dimitra eine weitere Betrachtung zum Thema, Transcript einer Vorlesung:
http://dimitrafimi.com/2018/12/02/revisiting-race-in-tolkiens-legendarium-constructing-cultures-and-ideologies-in-an-imaginary-world/

Und natürlich ihr unglaublich empfehlenswertes Buch:
http://dimitrafimi.com/books/tolkien-race-and-cultural-history-2/

 

Zum anderen ein kurzes Statement von mir, wie gesagt ohne auf bisherige Beiträge explizit Bezug zu nehmen - sorry.

Tolkien war meiner Einschätzung nach mit Sicherheit kein Rassist. Das kann man gut belegen anhand von Brief Nummer 30 an den Deutschen Verlag Rütten & Loening, die erwogen eine Deutsche Übersetzung des Hobbit herauszubringen und von Tolkien allen Ernstes einen Ariernachweis verlangten. Schwerer Fehler. Der Brief ist natürlich in "The Letters of J.R.R. Tolkien", aber auch hier online zu finden: http://witnify.com/j-r-r-tolkiens-letter-nazi-publisher/

Allerdings bedient sich Tolkien natürlich rassistischer "Tropes" und Narrative. Die Darstellung der Druedain ("Pukel-men") und ihres Anführers Ghan-buri-ghan im Herrn der Ringe wohl die Stelle mit dem größten "Cringe Factor". Menschenrassen anhand physiognomischer Merkmale zu unterscheiden und diesen Eigenschaften zuzuschreiben war zu Tolkiens Zeit "Stand der Wissenschaft". Nicht nur in Nazi-Deutschland, auch in Großbritannien.

Dem Gegenüber steht neben obigem Brief z.B. Sam Gamgees innerer Monolog in Ithilien angesichts eines toten feindlichen Kriegers:

Zitat

[... he ...] was glad that he could not see the dead face. He wondered what the man’s name was and where he came from; and if he was really evil of heart, or what lies or threats had led him on the long march from his home; and if he would not really rather have stayed there in peace- all in a flash of thought.

Also Tolkien ein Rassist: ein definitives Nein. Tolkiens Werk frei von Rassismus: ebenfalls ein definitives Nein. Es steht an uns als moderne Leser, die problematischen Stellen zu thematisieren und zu erläutern.

 

Liebe Grüße
Patrick

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  • 4 weeks later...
Posted (edited)

Nun, die Elben sind zweifellos sehr gute Charaktere, aber in den Lothlorien Szenen wirken sie auf mich manchmal doch ein wenig rassistisch:

Da gab es beispielsweise im Roman die Szene, als die Gefährten nach Lothlorien kommen, und wo Haldir ihnen sagte, wenn sie Legolas nicht als einen Verwandten erkannt hätten, hätten sie die Gefährten nicht in den Wald gelassen. 

Auf mich wirkte das so, als ob die Elben von Lothlorien nur noch anderen Elben den Weg nach Lothlorien freigeben.

Beim Lesen stellte sich mir da folgende Frage:

Was, wenn eine Gruppe von Zwergen hilfesuchend nach Lothlorien gekommen wäre, aber ohne Begleitung eines Elben? 

Hätten sie diese Zwerge in ihren Wald gelassen? 

Ich fand die Stelle, an der Gimli sich die Augen verbinden sollte, ein wenig rassistisch, da kam sehr gut das Misstrauen zwischen Elben und Zwergen zum Tragen. 

Diese Frage stellt sich mir bei der Lektüre des Romans schon, ob die Elben in Lothlorien einer Gruppe Zwerge, die beispielsweise auf der Flucht vor Orks aus Moria entkommen wäre, in iDiehrem Wald Zuflucht gewährt hätte. 

Die Elben von Lorien waren doch gutmütige, freundliche Wesen, dass sie Fremde nicht mehr in ihren Wald ließen, passte dazu irgendwie nicht. 

Ich hab mich bei dieser Szene immer gefragt, was wohl geschehen wäre, wenn ein paar Zwerge ohne elbische Begleitung in den Wald gekommen wären´. 

 

Aber ich denke, Tolkien war kein Rassist, sondern Kind seiner Zeit, und zu der Zeit als er den Herrn der Ringe schrieb, wiesen viele Länder Flüchtlinge ab, damals waren die meisten Ländergrenzen eher verschlossen, und die Menschen damals dachten sich nichts dabei, das floss wohl auch in den Roman ein. 

Völker wie die Elben blieben im Roman meistens unter sich...auch..während die Gefährten im Roman in Lorien waren, hatten sie kaum Kontakt zu den dortigen Elben, die zwar sehr freundlich zu ihnen waren, aber einen richtigen Austausch der Völker gab es wohl nicht. 

Alle Völker in Tolkiens Roman blieben meistens unter sich, aber das war wohl dem damaligen Zeitgeist geschuldet, in der Welt in der Tolkien lebte, waren die meisten Länder noch sehr homogen und nationalistisch geprägt. 

 

So etwas wie im Hobbit, die Liebesgeschichte zwischen einer Elbin(Tauriel) und einem Zwerg(Kili) hätte es in Tolkiens Romanen noch nicht gegeben, auf so eine Idee kamen damalige Autoren nicht, weil es der Zeitgeist nicht hergab. 

Und bei heutigen Fantasyautoren wären es bestimmt nicht 9 männliche Gefährten, sondern es kämen auch Frauen hinzu. 

Und im Roman fiel auch auf, dass Celeborn mehr spricht als Galadriel, sie ist im Roman nur die "hohe Frau"; die Gattin von Celeborn, während sie im Film die Herrin von Lorien ist, und auch viel mehr zu sagen hat als Celeborn im Roman. 

Genauso mit Arwen: Bei Tolkien ist sie nur schmückendes Beiwerk zu Aragorn, und die heldenhafte Rettung Frodos kommt dem im Film nicht vorkommenden Glorfindel zu. 

Elbenfrauen spielen im Roman kaum eine Rolle....ich bin mir auch nicht sicher, ob Eowyn im Roman die gleiche heldenhafte Rolle wie im Film spielte. 

Das lag nicht daran dass Tolkien ein Macho gewesen wäre, das war er gewiss nicht, sondern es lag am rückständigen Frauenbild der 1940er und 50er Jahre, als der Roman geschrieben wurde. Damals wäre eine weibliche Hauptfigur undenkbar gewesen. 

Und Tolkien war auch kein Rassist, sondern ein Kind seiner Zeit, einer Zeit, die noch gar nicht multikulturell geprägt war. 

in heutigen Fantasyromanen findet man auch dunkelhäutige Könige, oder Vermischungen verschiedener Völker, das gab es damals nicht. 

Tolkien war eben ein Kind seiner Zeit, kein Rassist. Nur eben jemand, der nicht in einer multikulturell geprägten Gesellschaft lebte, sondern in einem England, in dem damals überwiegend weiße Menschen lebten. 

Edited by GaladrielOfLorien
  • Danke 1
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Danke für diesen ausführlichen Beitrag! Denn diesen Thread hier finde ich einfach vom Thema her sehr interessant, und ich fand es sehr schade dass die Diskussion hier wieder mal sehr lange eingeschlafen war. Ich möchte gern genau so ausführlich auf diesen Beitrag antworten, schaffe das aber heute nicht mehr (dies war ein sehr, sehr langer Tag) Also schreibe ich erst morgen.

Besonders dass du betonst dass Tolkien eben aus seiner Zeit heraus geschrieben hat und dass damals doch sehr viele Dinge anders gesehen wurden finde ich sehr wichtig. Und dazu kann ich halt wirklich einiges sagen weil ich diese Zeit noch miterlebt habe, ich bin ziemlich gleichaltrig mit "Herr der Ringe" und muss mich also bloß daran erinnern wie die Welt aussah als ich ein Kind war.

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vor 15 Stunden schrieb gathame:

Danke für diesen ausführlichen Beitrag! Denn diesen Thread hier finde ich einfach vom Thema her sehr interessant, und ich fand es sehr schade dass die Diskussion hier wieder mal sehr lange eingeschlafen war. Ich möchte gern genau so ausführlich auf diesen Beitrag antworten, schaffe das aber heute nicht mehr (dies war ein sehr, sehr langer Tag) Also schreibe ich erst morgen.

Besonders dass du betonst dass Tolkien eben aus seiner Zeit heraus geschrieben hat und dass damals doch sehr viele Dinge anders gesehen wurden finde ich sehr wichtig. Und dazu kann ich halt wirklich einiges sagen weil ich diese Zeit noch miterlebt habe, ich bin ziemlich gleichaltrig mit "Herr der Ringe" und muss mich also bloß daran erinnern wie die Welt aussah als ich ein Kind war.

Wow, ich finde es toll, dass es auch Herr der Ringe Fans in deiner Altersgruppe gibt:-)

Meine Eltern sind in deinem Alter, die können mit Fantasy so gar nichts anfangen, aber von ihnen weiß ich auch, wie damals die Welt aussah, eben dass Frauen leider nur als Hausfrau und Mutter gesehen wurde. 
Mein Vater und meine Mutter führten eine gleichberechtigte Ehe, da hatte meine Mutter Glück, denn damals durften Frauen ohne die Erlaubnis ihrer Männer nicht arbeiten, das war noch bis in die 1970er so. 

Und Tolkien ist ja noch viel älter als du, also 1892 geboren, er hat Frauen also vermutlich auch als Kind nur als Hausfrauen und Mütter erlebt, und deswegen sind auch in seinen Romanen Frauen nur Nebenfiguren. 

Wobei man Tolkien zugute halten muss, dass er mit Galadriel ein sehr beeindruckende Frauenfigur geschaffen hat, aber eben doch eine andere Figur als im Roman

Im Roman beispielsweise webt Galadriel mit ihren Mägden die Elbenumhänge, die die Elben den Gefährten schenken. Das ist typisch für das Frauenbild zu Tolkiens Zeit. 

Allerdings hat Tolkien im Roman auch geschrieben, Galadriel habe den weißen Rat gegründet, das ist dann eine kleine Abweichung vom Frauenbild jener  Zeit. 

Aber trotzdem ist auch Galadriel im Roman vor allem als Gattin dargestellt, während sie im Film eine modernere Rolle einnimmt. 

Bei Tolkien muss man einfach auch bedenken, dass er noch ein Kind des 19. Jahrhunderts war, also seine ersten 8 Lebensjahre in einem Jahrhundert verbrachte, als Frauen nichts als Ehefrauen und Mütter waren, was auch nach der Jahrhundertwende noch lange so blieb. 

Und das England seiner Zeit war sehr homogen, deswegen waren es auch die Völker in seinem Roman. 

Tolkien starb 1973, er hat also nicht mehr miterlebt, wie nach und nach die Gleichberechtigung von Mann und Frau Einzug hielt.

Ich bin 1980 geboren, habe aber Werbespots aus den 1950ern im Fernsehen gesehen, und war geschockt darüber, wie dort die Rolle der Frau war: 

Du kennst ja sicherlich diese Werbespots noch aus dieser Zeit, in denen Frauen immer als Hausfrauen, die dem Mann das Essen auf den Tisch bringen mussten, damit der Mann stahlt und glücklich ist, diese Werbespots erschienen jemandem wie mir, einem Kind der 1980er, immer sehr kurios, weil man da sah, dass Frauen doch noch sehr auf den  Haushalt beschränkt waren.

 

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vor 35 Minuten schrieb GaladrielOfLorien:

...

Im Roman beispielsweise webt Galadriel mit ihren Mägden die Elbenumhänge, die die Elben den Gefährten schenken. Das ist typisch für das Frauenbild zu Tolkiens Zeit. 

....

 

Ich glaube, das ist weniger dem Frauenbild Tolkiens oder seiner Zeit geschuldet sondern einfach eine Analogie zur (gehobenen) Frauenrolle im frühen Mittelalter.

Ähnliche Szenen findet man z. B. auch in "Die Nebel von Avalon" von Marion Zimmer Bradley, wo andauernd die weiblichen Mitglieder der Königshöfe spinnen, weben, nähen oder sticken und sich um die hauswirtschaftlichen Aspekte des Hofes kümmern.

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Stimmt schon: dieses ständige Spinnen, Weben und Nähen war einfach in einer mittelalterlichen Welt unvermeidlich. Alle Textilien die man braucht selbst herzustellen ist eine gigantische Aufgabe und braucht jede Menge Zeit, und da es andererseits eine vergleichsweise leichte und saubere Arbeit war blieb das halt an den "gehobenen" Frauen hängen.

Aber ich wollte ja auf das antworten was GaladrielOfLorien  gestern geschrieben hat. Zweierlei vorweg: mit Fantasy habe ich mich eigentlich erst beschäftigt seit ich über fünfzig war, und darauf gebracht haben mich meine Schüler (ich war Lehrerin) wofür ich ihnen durchaus dankbar bin. Zur Zeit arbeite ich mich durch Das Lied von Eis und Feuer/GOT und finde das ziemlich spannend. - Und die TV-Fernsehspots aus den fünfziger Jahren kenne ich auch inzwischen, aber damals kannte ich sie nicht; wir gehörten nicht zu den Leuten die sich Fernsehen leisten konnten.

Womit wir eigentlich schon bei dem Thema wären zu dem ich etwas sagen wollte. Ich denke auch, dass sowohl sehr viele Dinge in Tolkiens Werken, die heute ziemlich rassistisch wirken als auch die vergleichbare "Unwichtigkeit" von Frauen für die Zeit, in der sie geschrieben wurden, einfach so selbstverständlich waren dass niemand da groß drüber nachgedacht hat. Das war einfach so, und das stellte auch niemand großartig in Frage. Und dabei spielen vor allem drei Dinge eine Rolle, denke ich. Das erste ist ganz einfach dass man generell viel schlechter informiert war. Außer Tageszeitungen und Büchern gab es ja nur die Nachrichten im Radio oder im Fernsehen (falls man einen Fernseher hatte) und die "Wochenschau", eine zehnminütige Nachrichtensendung im Vorprogramm wenn man ins Kino ging, alles andere existierte nicht.

Die zweite wichtige Sache in diesem Zusammenhang ist dass man extrem wenige Kontakte zu Menschen aus anderen Ländern oder zu Menschen anderer Hautfarbe hatte. Die Sache mit den Auslandsreisen fing ja erst in den fünfziger Jahren so langsam an, und Reisen außerhalb Europas kamen erst viel später. Und als die ersten Italiener als "Gastarbeiter" zum Arbeiten nach Deutschland kamen war das eine exotische Sensation. Menschen aus anderen Ländern oder gar anderer Hautfarbe waren etwas mit dem man nur höchst selten in Berührung kam, und was einem so fremd ist, darüber entwickelt man halt schnell Klischeevorstellungen. Wenn damals ein dunkelhäutiger Mensch vorbei ging blieben die Kinder stehen und starrten ihm nach; meine Mutter gehörte zu den eher wenigen Leuten die den Hinweis für nötig hielten dass das unhöflich sei. Und ich habe 1970 mein Englisch-Abitur mit "gut" gemacht, einfach weil ich gut schriftliche Texte übersetzen konnte, etwas anderes verlangte kein Mensch; ich hätte damals nicht die simpelste Unterhaltung auf Englisch führen können.

Die dritte Sache ist vielleicht sogar die wichtigste von allen: man lebte in einer Welt in der jeder sehr genau wusste was "normal" war und in der man auch nichts anderes überhaupt für möglich hielt oder gelten ließ. Was natürlich zum Teil auch damit zusammenhing, dass man eben wirklich nichts anderes kannte. Ich habe das als Kind vielleicht deshalb besonders gut wahrgenommen weil ich von Anfang an auf der "falschen" Seite der Gesellschaft stand. Und deshalb kann ich diese Sache am besten erklären wenn ich mal kurz persönlich werde. Also, ich wurde 1952 geboren und bin in Deutschland West aufgewachsen, in einer kleineren Großstadt; auf dem Land wäre es schlimmer gewesen. Ich bin unehelich geboren, und das war damals wirklich noch ein Problem. Den "unehelichen Zahlvater" kannte ich nicht, das wäre auch unüblich gewesen, außerdem galt ich als mit ihm nicht verwandt, in dem Sinne, dass ich nicht erbberechtigt gewesen wäre. Zudem ging meine Muter natürlich arbeiten, sechs Wochen nach der Geburt, so etwas wie Elternzeiten gab es ja noch lange nicht. Also wuchs ich auch noch als "Schlüsselkind" auf, das einen Hausschlüssel dabei hatte weil niemand zu Hause war wenn es aus der Schule nach Hause kam. Ganztagsschulen oder nachmittägliche Betreuung irgendeiner Art gab es nicht, die war ja überflüssig weil die Frauen ohnehin zu Hause zu sein hatten. Eine verheiratete Frau durfte nur mit Zustimmung ihres Mannes berufstätig sein. "Schlüsselkinder" galten als verwahrlost, mit denen durften die meisten anständigen Kinder nicht spielen. Und dass ich Abitur gemacht habe war eigentlich schon ein kleines Wunder. Eine meiner Klassenlehrerinnen hat mir als Zwölfjähriger gesagt, so etwas wie ich gehört, wenn es denn schon existiert, ans Fließband und nicht in die höhere Schule. Sich gegen solche Äußerungen zu wehren wäre sinnlos gewesen, da machte man halt eine Faust in der Tasche und hoffte auf bessere Zeiten.

Alles was nicht "Norm" war wurde ausgegrenzt, ganz selbstverständlich. Homosexualität war strafbar. Und wenn Eltern mit einer erwachsenen Tochter zusammen im Haushalt lebten und den Freund der Tochter dort übernachten ließen machten sie sich strafbar, Kuppeleiparagraph hieß das. Behinderte hatten so unsichtbar wie möglich zu bleiben. Wir kannten damals einen Kleinwüchsigen, der Buchbinder von Beruf war. Das erstaunte die Leute immer sehr. So jemand gehörte doch nicht in einen bürgerlichen Beruf, so jemand hatte beim Zirkus zu sein.

Diskriminierung, in sehr vielen Bereichen, war halt einfach die Norm, die damals noch niemand in Frage stellte. Das war eben einfach so, und Leute die auf der "richtigen" Seite standen dachten vermutlich überhaupt nicht darüber nach. Eine sehr andere Welt also als die die wir heute kennen und die in dieser Hinsicht ja doch deutliche Fortschritte gemacht hat. Und ich vermute man macht sich oft einfach zu wenig klar wie anders diese Welt, in der Tolkien schrieb, eben doch noch war. Je jünger man ist desto weniger Möglichkeiten hat man ja auch das zu wissen. Wobei "Wissen" ja noch mal etwas anderes ist als selbst erhebt haben. Und deshalb lasse ich das jetzt einfach mal so als Denkhilfe und als Beispiel so stehen.

 

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  • 1 month later...

 

Der Titel ist eventuell etwas irreführend. Es geht zwar neben dem HdR auch vermehrt um Critical Race Theory und dergleichen, aber letztendlich war es eine gelungene kurze Abhandlung über Rassismus im HdR und definitv das Anschauen wert.

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Doch, das ist tatsächlich eine gelungene Abhandlung über Rassismus im HdR, und sie ist übrigens gar nicht weit weg von vielen Dingen die hier schon geschrieben wurden. Sehenswert ist das auf jeden Fall. Danke fürs Reinstellen!

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