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Orald

Mythopoeia VI [lines 71-80]

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Orald

Ich denke, das müsste bis zum nächsten Sonntag gehen ...

Yes! 'wish-fulfilment dreams' we spin to cheat

our timid hearts and ugly Fact defeat!

Whence came the wish, and whence the power to dream,

or some things fair and others ugly deem?

All wishes are not idle, nor in vain

fulfilment we devise -- for pain is pain

not for itself to be desired, but ill;

or else to strive or to subdue the will

alike were graceless; and of Evil this

alone is dreadly certain: Evil is.

---

71 Yes! 'wish-fulfilment dreams' we spin to cheat

72 our timid hearts and ugly Fact defeat!

73 Whence came the wish, and whence the power to dream,

74 or some things fair and others ugly deem?

75 All wishes are not idle, nor in vain

76 fulfilment we devise -- for pain is pain

77 not for itself to be desired, but ill;

78 or else to strive or to subdue the will

79 alike were graceless; and of Evil this

80 alone is dreadly certain: Evil is.

71 Ja! wir spinnen 'wunscherfüllende Träume', zum Täuschen

72 unserer furchtsamen Herzen und zum bekämpfen hässlicher Tatsachen!

73 Woher kam der Wille, und woher die Fähigkeit zu träumen,

74 oder dass wir einige Dinge schön und andere hässlich finden?

75 Nicht alle Wünsche sind nutzlos, und nicht aus Eitelkeit

76 ersinnen wir Erfüllendes -- denn Schmerz ist Schmerz

77 nicht um seiner selbst wegen ersehnt zu werden, sondern krank;

78 Doch beides: den Willen anzustreben oder ihn zu unterdrücken

79 ist gleidcherweise schamlos; und vom Bösen ist dies

80 allein furchtbar gewiss: Böses existiert.

bearbeitet von Orald

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Gast Dunderklumpen

Und los geht's!

Die ersten beiden Zeilen:

71 Ja! 'Wünsch-Erfüllungs-Träume' erspinnen wir, um unsere ängstlichen Herzen

72 zu belügen und das hässliche FAKT zu vernichten!

71 Yes! 'wish-fulfilment dreams' we spin to cheat

72 our timid hearts and ugly Fact defeat!

Übersetzungstechnisch ist das nicht schwer.

Inhaltlich aber schon. Denn worauf bezieht sich dieses "Yes!"? Es müsste sich auf das Vorangegangene beziehen. Und da war die Rede davon, dass wir Menschen das Recht haben, kreativ Götter und Fabelwesen zu schaffen.

Das Recht also haben wir - es ist aber dennoch eine Selbstbeschwindelung? Interessant.

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Orald

Ich denke, es bestätigt dieses Recht. Misomythos bezweifelt es ja, er bezeichnet das Mythenschaffen als Lüge. Nun wurde gesagt, dass es zum Wesen des Menschen gehört, und hier wird das durch den emotionalen Ausbruch (wenn ich so sagen darf) noch einmal verstärkt:

Ja! Natürlich erspinnen wir mit unserer Mythenschaffensfähigkeit eine bessere Welt, auch wenn diese kein exaktes Abbild der Realität ist. Oder anders: Ja, wir flüchten auch in Traumwelten und machen uns etwas vor. Ursache dafür ist dass wir dadruch mit der Schlechtigkeit der (wirklichen Welt) besser zurecht kommen können (und dürfen!)

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Gast Dunderklumpen

Verstehe.

Der Auslöser des Gedichtes - Mythos sei doch Lüge - wird hier noch einmal aufgegriffen und in das Konzept eingearbeitet.

Das zeilenweise Übersetzen - wenn man nicht stets das schon Übersetzte neben sich liegen hat und sich den Gedankengang des Ganzen nicht ständig neu vergegenwärtigt - kann einen leicht ratlos machen.

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Gast Dunderklumpen

Zeile 73 und 74:

73 Von wo kam das Wünschen, und von wo die Kraft zu träumen

74 oder manche Dinge für schön und andere für hässlich zu halten?

73 Whence came the wish, and whence the power to dream,

74 or some things fair and others ugly deem?

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Gast Dunderklumpen

Zeile 75 und die halbe Zeile 76:

75 Nicht alle Wünsche sind unproduktiv, noch denken wir uns

76 vergebich Erfüllung aus - ...

75 All wishes are not idle, nor in vain

76 fulfilment we devise -- [for pain is pain]

bearbeitet von Dunderklumpen

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Gast Dunderklumpen

Zeile 75 - 77:

75 Nicht alle Wünsche sind unproduktiv, noch denken wir uns

76 vergebich Erfüllung aus - denn Schmerz wird nicht

77 um seiner selbst willen ersehnt, sondern ist ein Übel:

75 All wishes are not idle, nor in vain

76 fulfilment we devise -- for pain is pain

77 not for itself to be desired, but ill;

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Gast Dunderklumpen

Zeile 75 - 80 (Zeile 77 habe ich leicht überarbeitet):

75 Nicht alle Wünsche sind unproduktiv, noch denken wir uns

76 vergebich Erfüllung aus - denn Schmerz wird nicht

77 um seiner selbst willen ersehnt, sondern krank:

78 anderenfalls wäre es gleich schmalos, den Willen

79 zu aktivieren [?] oder ihn zu besiegen; und von dem Üblen

80 ist alleine dies grauenvoll sicher: Das Üble existiert.

75 All wishes are not idle, nor in vain

76 fulfilment we devise -- for pain is pain

77 not for itself to be desired, but ill;

78 or else to strive or to subdue the will

79 alike were graceless; and of Evil this

80 alone is dreadly certain: Evil is.

Damit habe ich das Wochenpensum durch.

Allerdings ist mir der gedankliche Zusammenhang ab Zeile 78 mit dem Vorausgegangenen nicht ersichtlich. Tolkien hat hier nicht hergeleitet - nach meinem Verständnis -, sondern einfach nur behauptet, dass das Übel (an sich) existiert.

Mir zerstört diese Behauptung leider den Wert des Vorangegangenen. Es sieht mir nun doch wieder wie ein frommes Dogma aus, das anthropologisch nicht herleitbar ist, sondern ein frommes Bekenntnis ist, das ich persönlich ablehne und mich sofort flüchten lässt.

Eigentlich glaubte ich gerade, dass Tolkien in diesem Gedicht genau das Gegenteil zeigen wollte: dass es das Böse an sich nicht gibt. Ich dachte, dass er die ganze Zeit den alten Dualismus auflöst. Und nun behauptet er ihn wieder.

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Orald

Erst einmal vielen Dank für deine Übersetzung, die mir streckenweise natürlich viel besser gefällt als meine - vor allem sprachlich. Inhaltlich sehe ich gar keine so großen Unterschiede.

Dass du dich an der letzten Zeile sotßen würdest, habe ich vermutet. Wir lesen halt doch unsere Texte jeweils unter Vorbedingungen ;-)

Ungewöhnlich mag für einen literarischen Text Tolkiens sein, dass er sich hier doch sehr persönlich einbringt, was mit einleitenden Seufzer zu Beginn der Strophe ja schon anklingt. Ich denke dennoch nicht, dass es sich hier um ein einfaches Bekenntnis handelt, ganz losgelöst von Erfahrung und logischer Herleitung - auch wenn Tolkiens Glaube an dieser Stelle sicher ein tragendes Element ist.

Hier der Versuch einer Erklärung, wie ich diese Strophe sehe:

Einleitend wird zugegeben, dass wir schlecht handeln. Wir bauen tatsächlich Fiktionen, oder negativ ausgedrückt, wir lügen.

Erklärt wird das ähnlich wie in Tolkiens Aufsatz über Märchen, wo er die Flucht aus einem Kerker für legitim hält und nicht für feige. Hier geht er allerdings weiter: die Fähigkeit zum lügen (ich nenne das mal so drastisch) ist uns gegeben. Auch sie gehört zu dem, was von unserem Königsrecht übrig geblieben ist. Die Lüge ist nicht gut, aber sie ist zum Überleben in der (gefallenen) Welt notwendig. Ihre Wurzeln gehen auf eine unserer Fähigkeiten zurück, nämlich diejenige, mehr zu erkennen als uns die empirischen Eindrücke liefern, somit korrumpert die Lüge zwar, aber nicht absolut - es kann auch Gutes aus ihr entstehen.

Das Recht, unsere Fähigkeiten, die wenn auch gebrochen aber dennoch Abbild des Schöpfers sind, zu gebrauchen, wird hier besonders beschworen. Das Dilemma wird zum Schluss der Strophe auf den Punkt gebracht. Ich habe es übersetzt als: "Doch beides: den Willen anzustreben oder ihn zu unterdrücken ist gleidcherweise schamlos".

In wie weit wir Tolkien folgen müssen, das Böse personal zu sehen (was er hier nicht einmal behauptet) oder einen philosophischen Dulaismus aus der Existenz des Bösen abzuleiten (worunter Du und ich wohl eh jeweils etwas ganz unterschiedliches verstehen) möchte ich dahingestellt lassen. Mir scheint die Erkenntnis wichtig, dass wir hier die Wahl zwischen zwei schlechten, also bösen, Alternativen haben: Wir erlügen uns eine bessere Welt oder wir vernachlässigen unsere gegebene Fähigkeit, das schlechte in der Welt wenigstens durch unsere Gabe der Phantasie zu erhellen. Beides ist hier (aus katholischer Perspektive) negativ, also böse. Wir kommen demnach dem Bösen nicht aus, und darum ist es gewiss, dass es existiert.

Oder anders: In einer gefallenen Welt wie der unseren (von der ich mal mit Tokien als Katholik ausgehe) besteht oft nicht die Möglichkeit, einfach das Gute zu tun, und das Böse zu lassen. Viel öfter sind alle unsere Alternativen böse. Vor der Situation stehen wir auch im Bezug auf das Schaffen von Mythen.

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Gast Dunderklumpen

Zwei Punkte zu dem, Orald, was Du geschrieben hast:

1. Was das Sprachliche angeht, so habe ich immer die möglichst wörtliche gewählt - damit man, und auch ich selber, das Englische besser nachvollziehen kann. Das ist aber nur ein erster Schritt. Selbst in einer veröffentlichen Rohübersetzung - also in einer nicht gereimten und dem Text möglichst nahestehenden - würde ich freier und damit dann auch sprachlich besser sein. Insofern finde ich selber gar nicht, dass hier von meiner Seite irgendeine sprachliche Qualität vorliegt, sondern eher im Gegenteil. Das muss ich der Ehrlichkeit halber sagen. Meine Sprache ist auf dieser Stufe vielleicht nur nüchterner als Deine. :-)

2. Unter Dualismus verstehen wir vermutlich wirklich etwas Verschiedenes. Das aber mal beiseite gelegt:

Das, was Du in der ersten Zeile als "Seufzer" bezeichnest und mir ja vorher erklärt hast, ist etwas, das ich auch in anderen Werken Tolkiens und eben auch in "On Fairy Stories" oft gefunden habe:

nämlich dass ein- und dieselbe Kraft oder angeborene Möglichkeit sowohl positive als auch negative Konsequenzen haben kann.

So hat der angeborene Forschungstrieb - oder Schaffungstrieb - in den Silmarillion-Sagen bei Feanor zunächst eine sehr positive Konsequenz: er kann das ursprüngliche Licht der Anfangsbäume im Silmaril vor der vollkommenen Vernichtung bewahren.

Die Liebe dann aber zum eigenen Werk verursacht Unsägliches.

Bei Gollum finden wir eine andere Spielart. Auch er hat einen ausgesprochenen Forschertrieb. Aber dieser äußert sich zu materialisiert. Er will das Geheimnis der Tiefe erforschen, aber die materielle Tiefe, falls sie nicht geistig vertieft ist, genügt dem Forscher nicht, auch Gollum nicht, und er muss dann in der Tiefe bleiben.

Und was die Lüge angeht: so greift Tolkien - so habe ich ja gerade Dich verstanden - in Zeile 71 das Wort "Lüge" zwar auf, weil es von anderer Seite als Vorwurf gekommen ist, aber dann zeigt er auf, dass es eben gerade nicht eine Lüge ist.

Tolkien untersucht im Folgenden ja, woher das entsteht, was andere als Lüge bezeichnen: es entsteht, weil wir sonst dem Grauenvollen dieser Welt nicht standhalten können. Es ist ein Schutzmechnanusmus, der notwendig ist.

Und aus diesem notwendigen Schutzmechanismus entstehen dann die Sagen und Märchen, die eine neue Wirklichkeit schaffen.

Also gerade innerhalb des logischen Gedankengang Tolkiens haben diese sogenannten Lügen einen positiven Wert. Sie sind Ausdruck des Willens, das Üble der Welt nicht zu akzeptieren, sondern es schöpferisch zu "überwolben", sage ich mal.

Ganz ähnlich in "On Fairy stories":

Die anderen sprechen, laut Tolkien, von Feigheit und Fahnenflucht. Aber Tolkien sagt, dies sei keine Feigheit, sondern ein Ausbrechen aus einem Gefängnis. Auch hier greift er die Begriffe der anderen auf und zeigt auf, dass da in Wirklichkeit eine postive und schöpferische Kraft dahinter seht.

Beim Schreiben jetzt merke ich, dass Tolkien in "Mythopoeia" "the Evil" gar nicht auf den Menschen bezogen hat, sondern damit eine neue Größe eingeführt hat. Vielleicht wird in den nächsten Zeilen diese neue Größe näher erklärt. Aber der Mensch, mit der Kraft der Erfindung ausgestattet, kann diesen Willen zur Erfindung entweder bekämpfen und als Lüge ausrotten - was offenbar fatal wäre - oder erkennen, dass er mit diesem Willen neue Realitäten schaffen kann. Er ist also auf die ursprüngliche Realität nicht angewiesen.

Ich denke grundsätzlich, dass Tolkien als schöpferischer Autor von seinen eigenen Erkenntnissen geleitet wird und nicht von dem, was seine Kirche ihm auferlegt anzunehmen.

Er hat ja selber betont, dass er kein Theologe sei und nicht vorhabe, sich nach der Theologie zu richten. Und auch sagte er, dass die Theologie daran schuld sei, dass die Elben als "böse" angesehen wurden.

Solange wir den Text selber also in seiner Kompexität ähnlich verstehen, Orald, ist gegen unterschiedliche Herleitungen auch nichts zu sagen. Wir bringen uns selber und unsere Erfahrungen im Leseakt ohnehin immer ein. Dennoch muss für mich die Deutung am Text verifizierbar sein, sie darf dem Text nicht widersprechen.

bearbeitet von Dunderklumpen

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Orald

Und was die Lüge angeht: so greift Tolkien - so habe ich ja gerade Dich verstanden - in Zeile 71 das Wort "Lüge" zwar auf, weil es von anderer Seite als Vorwurf gekommen ist, aber dann zeigt er auf, dass es eben gerade nicht eine Lüge ist.

Ich habe an dieser Stelle meine Auffassung des Textes etwas überzeichnet, darum schrieb ich: "(ich nenne das mal so drastisch)".

Ich lese aus dem Text, dass das Zweitschöpfen als Form der Lüge aufgefasst wird, weil tatsächlich ein Mangel an ihm haftet: Wir sind in Ungnade gefallen, zwar nicht völlig entthront, aber eben doch auch nicht in unserer unsprünglichen Weise rein. In der vorherigen Strophe wird gezeigt, dass uns durch die Zeit (seit dem Verlust des Paradieses) noch ein Rechtsanspruch erhalten blieb, hier aber zeigt sich, dass das, was wir durch dieses Recht schaffen, dennoch korrumpiert ist. In gewissem Sinne lenkt Philomythos durchaus ein, was auch die Zustimmung ganz zu Anfang der Strophe zeigt.

Dem Vorwurf der Lüge wohnt nach meinem Verständnis also ein Korn Wahrheit inne, er trifft aber das Ziel nicht richtig.

Tolkien untersucht im Folgenden ja, woher das entsteht, was andere als Lüge bezeichnen: es entsteht, weil wir sonst dem Grauenvollen dieser Welt nicht standhalten können. Es ist ein Schutzmechnanusmus, der notwendig ist.

Und aus diesem notwendigen Schutzmechanismus entstehen dann die Sagen und Märchen, die eine neue Wirklichkeit schaffen.

Notwendig ja, aber dennoch moralisch nicht völlig in Ordnung.

Ich denke grundsätzlich, dass Tolkien als schöpferischer Autor von seinen eigenen Erkenntnissen geleitet wird und nicht von dem, was seine Kirche ihm auferlegt anzunehmen.

Er hat ja selber betont, dass er kein Theologe sei und nicht vorhabe, sich nach der Theologie zu richten. Und auch sagte er, dass die Theologie daran schuld sei, dass die Elben als "böse" angesehen wurden.

Auch ich bin kein Theologe. Wie Tolkien bin ich aber Katholik und ich weiss, was es bedeutet, wenn jemand täglich die hl. Messe besucht. Tolkien ein "sentire cum ecclesiam" abzusprechen, halte ich für mehr als gewagt ;-)

Solange wir den Text selber also in seiner Kompexität ähnlich verstehen, Orald, ist gegen unterschiedliche Herleitungen auch nichts zu sagen. Wir bringen uns selber und unsere Erfahrungen im Leseakt ohnehin immer ein. Dennoch muss für mich die Deutung am Text verifizierbar sein, sie darf dem Text nicht widersprechen.

Dem stimme ich zu. Wir befinden uns nicht im luftleeren Raum und natürlich ist der Text die Brücke, über die wir uns verständigen können. Ich kann auch gut damit leben, wenn wir jeweils Unterschiedliches herauslesen und ich habe den Eindruck, dass du das auch kannst :-)

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Gast Dunderklumpen

Ich lese aus dem Text, dass das Zweitschöpfen als Form der Lüge aufgefasst wird, weil tatsächlich ein Mangel an ihm haftet: Wir sind in Ungnade gefallen, zwar nicht völlig entthront,

Ich denke, der Text selber lässt das offen. da von einem Mangel bezüglich der vorgeworfenen "Lüge" nicht gesprochen wird. Der von Dir erwähnte Bezug in diesem Punkt muss nicht hergestellt werden.

Tolkien untersucht im Folgenden ja, woher das entsteht, was andere als Lüge bezeichnen: es entsteht, weil wir sonst dem Grauenvollen dieser Welt nicht standhalten können. Es ist ein Schutzmechnanusmus, der notwendig ist.

Und aus diesem notwendigen Schutzmechanismus entstehen dann die Sagen und Märchen, die eine neue Wirklichkeit schaffen.

Notwendig ja, aber dennoch moralisch nicht völlig in Ordnung.

Kann ich ebenfalls im Text nicht finden, und da finde ich sogar Gegenbeispiele in Tolkiens anderen Werken. Möchte ich aber nicht weiter ausdiskutieren, nur noch einmal sagen. :-)

Ich denke grundsätzlich, dass Tolkien als schöpferischer Autor von seinen eigenen Erkenntnissen geleitet wird und nicht von dem, was seine Kirche ihm auferlegt anzunehmen.

Er hat ja selber betont, dass er kein Theologe sei und nicht vorhabe, sich nach der Theologie zu richten. Und auch sagte er, dass die Theologie daran schuld sei, dass die Elben als "böse" angesehen wurden.

Auch ich bin kein Theologe. Wie Tolkien bin ich aber Katholik und ich weiss, was es bedeutet, wenn jemand täglich die hl. Messe besucht. Tolkien ein "sentire cum ecclesiam" abzusprechen, halte ich für mehr als gewagt ;-)

Ich wollte ihm nichts absprechen, sondern nur das sagen, was ich geschrieben habe. Und beim Schreiben hatte ich ganz konkrete Zitate im Kopf, die belegbar sind.

Aber auch dieses Thema möchte ich nicht weiter verfolgen, da dieser Thread ja nur dazu dienen soll, das Gedicht inhaltlich zu verstehen und zu klären, ab wo die - nicht zu umgehende - Deutung beginnt.

Ich kann auch gut damit leben, wenn wir jeweils Unterschiedliches herauslesen und ich habe den Eindruck, dass du das auch kannst :-)

Ja, das kann ich. Und besonders darum, weil Du nachvollziehbar machst, warum Du etwas so oder so siehst. Du legst die Prämissen offen, und so kann man verfolgen, aus welchen Prämissen welche Deutungen entstehen können. Zum anderen erkennt man die eigenen Prämissen dadurch ebenfalls besser.

Falls man aber die Prämissen selber in die Arena werfen möchte, müsste man die Boxhandschuhe holen, aber ich werde mich hüten. :O

Das würde auch gar keinen Sinn machen, weil im Bereich der literarischen Interpretation schon das Entscheidende geleistet ist, wenn man die jeweiligen Prämissen sauber formuliert hat.

Zwar geht man dann in der Literaturwissenschaft noch weiter und überprüft a. ob der Interpret seine Prämissen in der Deutung korrekt angewendet hat und dann natürlich auch b. ob die Prämissen für einen akzeptabel sind oder überhaupt für den kulturellen Raum, in dem man lebt, "tragbar" sind.

Aber das ist ja hier nicht das Ziel, sondern einfach nur das Verständnis des doch sehr schwierigen Textes.

Und da bin ich jedenfalls jetzt schon sehr viel weiter gekommen.

Ich bedauere nur zutiefst, dass die, die vorher hier mitdusktiert haben, plötzlich einfach nicht mehr da sind. Man weiß nicht einmal den Grund. ;-(

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Alatariel

Ich bedauere nur zutiefst, dass die, die vorher hier mitdusktiert haben, plötzlich einfach nicht mehr da sind. Man weiß nicht einmal den Grund. ;-(

Entschuldigt bitte - ich hatte mal wieder viel um die Ohren (und war teilweise bis abends um 10 im Labor), so dass mir die Kraft und Zeit gefehlt hat mich hier wieder einzulesen. Und so zwischen Tür und Angel wollte ich es nicht machen; das hat der Text nicht verdient. Aber ich bedauere es zutiefst ausgerechnet diese Strophe 'verpasst' zu haben: Sie ist für mich in gewisser Hinsicht das Kernstück von Mytjopoeia. Gerne würde ich die hier angefangene Sikussion noch einmal aufgreifen wenn wir mit allem durch sind.

Nun aber nur kurz noch meine übersetzungstechnischen Anmerkungen und dann schließe ich die alten Threads gewohnheitsmäßig wieder.

Dunderklumpen hat in ihrer Übersetzung ja schon einiges geändert was mir auch aufgefallen ist. 'In vain' würde ich an dieser Stelle auf jeden Fall mit 'nicht umsonst' o.Ä. übersetzen. Aufgrund der idiomatischen Wendung "in vain" sehe ich hier keinen diekten Bezug zu der lateinischen Wurzel 'Eitelkeit'. Rein interessenshalber (aufgrund der folgenden Verse) ist es vielleicht noch interessant zu wissen, dass 'vain' ab dem ~15. Jh auch die Bedeutung 'self-conceited' hatte.

Ähnlich verhält es sich mit 'ill', das ich hier nicht in der moderneren Bedeutung 'krank' verstehe, sondern eher so wie Dunderklumpen es übersetzt hat.

Darf ich fragen wo du die Bedeutung "aktiviert" für 'to subdue' her hast, Dunderklumpen? ich eknne das eigentlich auch nur als unterwerfen/erobern/besänftigen...

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Gast Dunderklumpen

Darf ich fragen wo du die Bedeutung "aktiviert" für 'to subdue' her hast, Dunderklumpen? ich eknne das eigentlich auch nur als unterwerfen/erobern/besänftigen...

Ich habe "to strive" mit "aktivieren" übersetzt; "to subdue" habe ich mit "besiegen" übersetzt.

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Gast Dunderklumpen

Zusammnenfassung meines ersten Übersetzungsversuchs von Strophe VI.

Was im Thread an Offenem, Problematischem und Unklarem erwähnt wurde, werde ich später sammeln und hier anfügen.

71 Ja! 'Wünsch-Erfüllungs-Träume' erspinnen wir, um unsere ängstlichen Herzen

72 zu belügen und das hässliche FAKT zu vernichten!

73 Von wo kam das Wünschen, und von wo die Kraft zu träumen

74 oder manche Dinge für schön und andere für hässlich zu halten?

75 Nicht alle Wünsche sind unproduktiv, noch denken wir uns

76 vergebich Erfüllung aus - denn Schmerz ist Schmerz,

77 wird nicht um seiner selbst willen ersehnt, sondern krank:

78 anderenfalls wäre es gleich schmalos, den Willen

79 zu aktivieren [?] oder ihn zu besiegen; und von dem Üblen

80 ist alleine dies grauenvoll sicher: Das Üble existiert.

71 Yes! 'wish-fulfilment dreams' we spin to cheat

72 our timid hearts and ugly Fact defeat!

73 Whence came the wish, and whence the power to dream,

74 or some things fair and others ugly deem?

75 All wishes are not idle, nor in vain

76 fulfilment we devise -- for pain is pain,

77 not for itself to be desired, but ill;

78 or else to strive or to subdue the will

79 alike were graceless; and of Evil this

80 alone is dreadly certain: Evil is.

Englischer Text ist überprüft. Ein Komma fehlte in Zeile 76, das habe ich oben rot nachgetragen.

Zeile 76/77 habe ich daraufhin in der Übersetzung leicht überarbeitet.

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