Blauborke Geschrieben Dienstag um 14:25 Geschrieben Dienstag um 14:25 (bearbeitet) Im Thread „Wer ist der Mächtigste?“ entwickelte sich, fast 17 Jahre nachdem der Thread eröffnet worden war, erneut eine lebhafte Diskussion um die Bedeutung und die Erscheinungsformen von Macht bei Tolkien. Ausgangspunkt war ein Post von @SirLacy, der anmerkte, dass die Frage, wer der Mächtigste sei, im „Der Herr der Ringe“-Kontext irrelevant sei. Denn am Ende entscheide nicht das Wesen mit der größten Macht das Schicksal Mittelerdes, sondern eines der am wenigsten mächtigen Wesen, ein Hobbit. Außerdem verweist SirLacy darauf, dass andere Figuren, wie etwa Gandalf oder Aragorn, agieren, ohne fortwährend ihre zweifellos vorhandene Macht gänzlich auszuschöpfen. Aragorn sei zudem ein Beispiel dafür, dass große Macht nicht zwangsläufig mit großer Pracht verbunden sei. Tom Bombadil führt SirLacy als weiteren Beleg an, da dieser unempfänglich für die Wirkung der Macht des Einen Rings sei. Er fragt dann allerdings, ob Toms Widerstandskraft nicht auch als eine Form von Macht anzusehen sei. @gathame bezweifelt, dass es bei Tom Bombadil einer Widerstandskraft bedürfe, da Macht ihn einfach nicht interessiere. Insofern sei dies kein Indiz dafür, dass Bombadil über Macht verfüge. Außerdem ergänzt sie SirLacys Ausführungen dahingehend, dass es, wie das Beispiel Frodos zeige, auch um Willenskraft gehe, die sie als stille Macht bezeichnet. Das Nicht-zur-Schau-stellen von Macht wertet gathame als ein den Herrn der Ringe über gewöhnliche David-besiegt-Goliath-Geschichten hinaushebendes Motiv und verweist in diesem Zusammenhang auf das Gedicht „All That Is Gold Does Not Glitter“. @Gandalf der Graue stellt fest, dass Hobbits ebenfalls für die Macht des Rings anfällig seien und wirft die Frage auf, ob nicht auch Samwise gefährdet war, den Ring zum Schutz der Hobbits und des Auenlands einzusetzen und so vom Ring korrumpiert zu werden. @gathame bestätigt, dass auch Hobbits vom Einen Ring korrumpiert werden können und wirft daran anknüpfend die Frage auf, ob der Ring nicht selbst das Verhalten auslöse, das letztendlich zu seiner Zerstörung geführt habe. @Gandalf der Graue fragt darauf Bezug nehmend, warum dieses Verhalten vom Einen Ring ausgelöst werde: ob es mit einer von Sauron intendierten Eigenschaft des Rings, immer zu seinem Schöpfer zurückkehren zu wollen, zusammenhänge, oder ob der Ring gar ein eigenes Wesen besitze. @Eriol schließlich wirft die Frage auf, ob es dem Bösen nicht grundsätzlich zu eigen sei sich selbst zu zerstören. @Eldacar gibt hinsichtlich des Nicht-zur-Schau-Stellens von Macht zu Bedenken, dass Aragorn mit seinem Verhalten beim Eintritt in der Halle Meduseld Macht und Selbstanspruch - im Unterschied zu Gandalf - doch sehr deutlich zur Schau stelle. Er impliziert, dass nicht-menschliche Akteure einen anderen Umgang mit ihrer Macht pflegen. Eldacar verweist dann auf die Verwendung der Wörter mighty und powerful zur Beschreibung von Macht im englischen Original und stellt die These auf, dass might positiv im Sinne individueller Stärke verwendet werde, power hingegen immer negativ belegt sei -, außer in den Fällen, in denen göttliche Macht gemeint sei. Die Frage, ob das Böse sich tendenziell selbst vernichte, verneint Eldacar und verweist darauf, dass es auch unter größten Anstrengungen kaum zu bezwingen sei. Vielmehr - und hier schließt sich der Kreis zur Ausgangsthese von SirLacy - sei im Kampf gegen das Böse meist nur die Fähigkeit, unter großen Leiden auszuharren, bis ein glücklicher Umstand das Blatt wendet, entscheidend. Wenn diese Wendung, wie im Fall Gollums, vom jemand Bösem bzw. Korrumpierten verursacht werde, entstehe der Eindruck, das Böse habe sich selbst zerstört,. Ein Eindruck, der letztlich nur die Entwicklung, die zu diesem Punkt geführt habe, überdecke. @Blauborke merkt ergänzend zu Eldacars Ausführungen an, dass die Formulierung, dass das Böse sich selbst zerstöre, missverständlich sei, weil sie verschleiere, dass auf Seiten des Bösen unterschiedliche Akteure am Werk sind, die u.U. miteinander konkurrieren und deren Aktivitäten so zum Untergang des jeweils anderen führen können. Eine quasi metaphysische Anlage zur Selbstzerstörung, wie von Eriol angedeutet, sieht er aber nicht und verweist als Beleg auf die Schöpfungsgeschichte im Silmarillion. Hinsichtlich des nicht-zur-Schau-Stellens von Macht merkt Blauborke an, dass geschichtliche Entwicklungen zu dieser Zurückhaltung geführt hätten, und stellt die These auf, dass das Motiv „All That Is Gold Does Not Glitter“ein originäres Phänomen des Dritten Zeitalters beschreibe. weiterhin offene Fragen (in einer für weitere Punkte offenen Liste): - geht es im Herrn der Ringe um Macht? - welche Erscheinungsformen von Macht gibt es? - verfügt Tom Bombadil über Macht und falls ja, in welcher Form? - war Samwise gefährdet, weil er möglicherweise willens gewesen wäre, den Ring zum Schutz des Auenlandes einzusetzen? - löst der Ring das Verhalten aus, dass zu seiner Zerstörung führt? Und falls ja, warum und wie wird dieses Verhalten durch den Ring ausgelöst? - gehen Menschen anders mit ihrer Macht um, als andere Wesen in Mittelerde? Bearbeitet Dienstag um 14:32 von Blauborke 2 Zitieren
gathame Geschrieben Mittwoch um 11:44 Geschrieben Mittwoch um 11:44 Erst mal: vielen Dank für die Thread-Eröffnung und die Zusammenfassung der bisher angesprochenen Fragen! Die Liste der weiterhin offenen Fragen ergänze ich erst mal nicht, denn sie umfasst wirklich schon genug Diskussionsmaterial für den Anfang. Ich fange ganz einfach mal mit einem Beitrag zur ersten Frage an: Geht es im Herrn der Ringe um Macht? Wenn man jemanden fragt worum es in dieser Geschichte eigentlich geht, dass wird Macht vielleicht nicht das erste sein was erwähnt wird. Da kommt wahrscheinlich eher etwas in dem Sinne "Kampf gegen das Böse". Wobei wir dann allerdings doch gleich beim Thema "Macht" landen. Denn offenbar hat das Böse Macht, sonst könnte man keine interessante Geschichte darüber erzählen wie es bekämpft wird. Und damit haben wir schon eine erste Frage: Wie äußert sich die Macht des Bösen und wie versucht es seine Macht zu bewahren und auszudehnen? Und damit sind wir auch gleich beim Thema der Ringe. Und auch das Böse zu bekämpfen erfordert Macht, augenscheinlich. Diese Macht kann allerdings sehr verschiedene Gesichter haben. Manchmal ist es militärische Macht, manchmal hat es auch einfach mit Willenskraft zu tun (wobei das ja nun keinesfalls "einfach" ist). In jedem Fall geht es hier, in "Herr der Ringe", allerdings nicht um Macht an sich, es geht um Macht als Mittel zum Zweck. Es geht nicht darum Macht zu haben damit man mächtig ist, es geht darum Macht zu haben weil man ein Ziel erreichen will. Macht ist nicht das eigentliche Thema, aber Macht ist wichtig als Mittel zum Zweck. - Das waren nur mal ein paar kurze Überlegungen, bin in Eile. Vielleicht helfen sie trotzdem ein bisschen weiter. Zitieren
Blauborke Geschrieben Donnerstag um 08:42 Autor Geschrieben Donnerstag um 08:42 Meine Überlegungen gehen in eine ähnliche Richtung. Es lässt sich sicherlich nicht leugnen, dass das Streben nach Macht und der Umgang mit Macht zentrale Themen im Herrn der Ringe sind. Schon wenn ich die Handlung in wenigen Sätzen zusammenfassen müsste, käme ich um die Erwähnung von Macht oder Herrschaft nicht herum. Allerdings habe ich in diesem einen Punkt Zweifel: vor 20 Stunden schrieb gathame: In jedem Fall geht es hier, in "Herr der Ringe", allerdings nicht um Macht an sich, es geht um Macht als Mittel zum Zweck. Es geht nicht darum Macht zu haben damit man mächtig ist, es geht darum Macht zu haben weil man ein Ziel erreichen will. Ich bin mir gar nicht so sicher, ob man das so kategorisch sagen kann. Ich frage mich, ob diese Form von Herrschaft, die Sauron anstrebt, nicht Machtausübung um ihrer selbst willen ist, da damit ja nichts anderes bezweckt wird. Zitieren
Eldacar Geschrieben Donnerstag um 20:27 Geschrieben Donnerstag um 20:27 Ich weiß noch nicht, ob ich die Formulierung so mag wie sie gerade ist, aber ich glaube "Machtausübung um ihrer selbst willen" geht eher in die "richtige" Richtung als Macht als Mittel zum Zweck. Sauron ist ja in vielerlei Hinsicht eine direkte Fortsetzung von Melkor, dessen Name selbst als "He who arises in might" also "Er der in der Macht ersteht" übersetzt wird. Das ist ja nicht gerade ein Zufall. Es gibt ja keinen wirklichen Grund dafür, dass er sich versucht über den Willen Erus hinwegzusetzen. Er ist selbstherrlich, geltungssüchtig, hasserfüllt und sucht nach Macht für sich über andere wo sie weder angebracht ist noch ihm zusteht. Macht ist vielleicht nicht unbedingt die gesamte Natur des Bösen bei Tolkien aber zumindest mal dessen initialer Treiber. Zitieren
gathame Geschrieben Gestern um 11:31 Geschrieben Gestern um 11:31 Stimmt schon: ich hatte bei meinen Überlegungen zu wenig an Sauron gedacht, und dem geht es ja doch, soweit ich sehe, durchaus um "Machtausübung um ihrer selbst willen", zumindest ist ein anderes Motiv für sein Machtstreben für mich im Moment nicht erkennbar. Dass dann andere Personen ihre Macht, in welcher Form auch immer, als Mittel zu Zweck nutzen um Sauron zu bekämpfen ist tatsächlich sekundär, genaugenommen. Die Geschichte fängt damit an, dass Sauron die Macht will, nicht zu einem bestimmten Zweck, sondern um ihrer selbst willen. Sauron ist "der Herr der Ringe", und sie sind von ihm als Kontrollmechanismus konzipiert um alle die seinem Machtstreben gefährlich werden könnten (Menschen, Zwerge, Elben) in seinem Sinn zu manipulieren. Also fängt die Geschichte genaugenommen mit Saurons Streben nach Macht an, mit seinem Wunsch alle anderen Lebensformen zu kontrollieren. Und vermutlich verblüfft es ihn außerordentlich dass er da gelegentlich auf Gegenwehr stößt oder auch einfach auf Gleichgültigkeit gegenüber einer solchen Macht die offenkundig nicht jeden beeindruckt. Tom Bombadil beeindruckt sie nicht, und die Zwerge zum Beispiel sind auch nicht sonderlich beeindruckt. Dies sind Reaktionen die für Sauron jenseits des Vorstellbaren liegen. Vermutlich versucht er auch gar nicht erst Wesen die er für schwach hält zu beherrschen, für die Hobbits sind keine Ringe vorgesehen. Ich fände es im Moment wichtig zu verstehen warum Sauron die Macht tatsächlich will. Gibt es da irgendeinen Grund der mir entgeht? Denn genaugenommen finde ich es ein ziemlich dummes Konzept Macht haben zu wollen nur damit man eben mächtig ist. Zitieren
Tolwen Geschrieben vor 6 Stunden Geschrieben vor 6 Stunden (bearbeitet) Am 13.3.2026 um 12:31 schrieb gathame: Sauron ist "der Herr der Ringe", und sie sind von ihm als Kontrollmechanismus konzipiert um alle die seinem Machtstreben gefährlich werden könnten (Menschen, Zwerge, Elben) in seinem Sinn zu manipulieren. Also fängt die Geschichte genaugenommen mit Saurons Streben nach Macht an, mit seinem Wunsch alle anderen Lebensformen zu kontrollieren. Und vermutlich verblüfft es ihn außerordentlich dass er da gelegentlich auf Gegenwehr stößt oder auch einfach auf Gleichgültigkeit gegenüber einer solchen Macht die offenkundig nicht jeden beeindruckt. Tom Bombadil beeindruckt sie nicht, und die Zwerge zum Beispiel sind auch nicht sonderlich beeindruckt. Dies sind Reaktionen die für Sauron jenseits des Vorstellbaren liegen. Vermutlich versucht er auch gar nicht erst Wesen die er für schwach hält zu beherrschen, für die Hobbits sind keine Ringe vorgesehen. Die Zwerge sind m.E. schon beeindruckt und benutzen die durch die Sieben verliehene - gesteigerte - Macht ja auch ausgiebig für die Mehrung ihres materiellen Reichtums. Das ist anders als bei Menschen oder Elben (die Ringe verleihen Macht entsprechend der Natur der Träger/Nutzer). Was Sauron überraschte war der Widerstand der Zwerge gegen eine externe Kontrolle (so wie bei den Elben geplant und bei den Ringgeistern verwirklicht) - die bei den Zwergen nie funktionierte. Hobbits sind in dem Zusammenhang ein interessanter Punkt. Ihre uns bekannte Frühgeschichte beginnt um das Jahr 1000 des Dritten Zeitalters mit ihrem Fortzug aus ihren damaligen Siedlungsgebieten in den Anduintälern, d.h. ca. 3.000 Jahre nach der Herstellung der Ringe. Wie lange sie dort lebten und wo sie evtl. vorher lebten, ist uns unbekannt. Theoretisch wäre es möglich (m.E. aber unwahrscheinlich), dass es sie als "Hobbits" zur Zeit der Ringherstellung noch gar nicht gab. Zudem sind sie streng genommen auch Menschen (also Zweitgeborene) und somit nicht zwangsläufig a priori von den Zweitgeborenen als Träger eines Ringes zu trennen. Viel wichtiger ist m.E. der letzte von dir angesprochene Aspekt (habe ich im Zitat mal fett hervorgehoben). Aus den vorhandenen Quellen lässt sich m.E. auch noch nicht mal mit erhöhter Wahrscheinlichkeit schliessen, dass Ringe der Macht überhaupt für andere Völker als Elben (und Sauron) gemacht wurden (d.h. die Absicht der Schmiede bzgl. der Verteilung der Ringe). Hierfür wird meist das Ringgedicht als Beleg herangezogen, doch ist das m.E. kein sehr stichhaltiges Argument. Aus meiner Sicht ist es viel wahrscheinlicher, dass das Ringgedicht "nur" den faktischen Zustand hinsichtlich des Verbleibs bzw. der Verteilung der Ringe der Macht nach ZZ 1700 beschreibt - und nicht die Absicht bei der Herstellung. All dies wird im Thread Nenya und dessen Kraft ausführlich mit Texthinweisen diskutiert. Hierbei spielt der Zeitpunkt der innerweltlichen Entstehung des Ringgedichtes eine zentrale Rolle. Die vorhandenen Indizien deuten m.E. auf einen Entstehungszeitpunkt um die Zeit des Letzten Bundes herum. Auch das wird im genannten Thread thematisiert. In der Tat spielten weder Menschen noch Zwerge bei Saurons Plan mit den Ringen eine Rolle - eben weil er sie als zu wenig mächtig und damit nicht wichtig genug einschätzte. Zudem betrachtete er Menschen sowieso schon als recht gefügig. Dies legt nahe, dass es aus Saurons Sicht im Originalplan keine Ringe brauchte, um sie effektiv zu beherrschen. Zwerge und Menschen rückten erst ins Zentrum seiner Betrachtung als der Plan mit den Elben gescheitert war und er eine Alternative brauchte. Am 13.3.2026 um 12:31 schrieb gathame: Ich fände es im Moment wichtig zu verstehen warum Sauron die Macht tatsächlich will. Gibt es da irgendeinen Grund der mir entgeht? Denn genaugenommen finde ich es ein ziemlich dummes Konzept Macht haben zu wollen nur damit man eben mächtig ist. Sowohl bei Melkor als auch Sauron spielt der Gestaltungswille die zentrale Rolle: Sie wollen die Dinge entsprechend ihren Vorstellungen regeln und dulden dabei keinen Widerspruch. Letzteres liegt natürlich an ihrem Stolz - der hat aber auch einen nicht "bösen" Anfang, nämlich ihre objektiv viel tieferen Einsichten in Arda (aufgrund ihrer Eigenschaft als Ainur im Gegensatz zu Elben oder Menschen) und deren Funktion. Hieraus leiten sie dann das "Recht" ab, anderen Personen verbindlich vorzugeben, wie sie zu leben und was sie zu tun haben (eben weil sie viel weiser und weitblickender seien). Die Probleme fangen dann damit an, wenn andere - aus ihrer Sicht "geringere" - Wesen wie Elben oder Menschen nicht dieser Meinung sind. Auch in den Briefen beschreibt Tolkien Saurons ursprüngliche Absicht im Zweiten Zeitalter als nicht gänzlich böse, sondern die eines Reformers nach einer Katastrophe. Erst mit der Zeit glitt dies dann in die böse-kontrollierende Variante ab. Bearbeitet vor 5 Stunden von Tolwen Zitieren
gathame Geschrieben vor 1 Stunde Geschrieben vor 1 Stunde Das ist ein interessanter Gedanke: das Ringgedicht beschreibt eher den faktischen Zustand zu einer bestimmten Zeit als die ursprüngliche Planung. Das klingt ja genaugenommen auch schon sehr statistisch, die Elben haben so und so viele Ringe, die Zwerge haben so und so viele, die Menschen haben so und so viele. Ursprünglich geht es Sauron ja tatsächlich um die Elben. Menschen und Zwerge nimmt er als weniger wichtig wahr, und (auch das ist ein wichtiger Hinweis) die Hobbits existierten vielleicht überhaupt noch nicht. Für Sauron werden Menschen und Zwerge wirklich genaugenommen erst interessant als mit den Elben nicht alles so läuft wie er es gerne hätte. Und das leuchtet mir ein: bei Sauron spielt der Gestaltungswille eine ganz zentrale Rolle. Er geht (ebenso wie Melkor) davon aus dass er seiner Natur nach tatsächlich eine tiefere Einsicht in die Dinge hat, und davon leitet er für sich das Recht ab anderen Personen wie etwa Elben oder Menschen vorzugeben wie sie zu leben und was sie zu tun haben. Und das wäre ja als solches tatsächlich nicht grundsätzlich böse. Allerdings, in dem Moment wo Elben oder Menschen nicht seiner Meinung sind und nicht so reagieren wie gewünscht "kippt" Saurons Reaktion und er versucht sie zu kontrollieren, und zwar versucht er das zunehmend gewaltsam. Da entsteht dann wirklich diese "böse-kontrollierende Variante" und rückt mehr und mehr in den Vordergrund. Ich frage mich gerade was der "Eine Ring" speziell mit dieser böse-kontrollierenden Variante von Saurons Gestaltungswillen zu tun hat. Mir fehlt dazu im Moment noch die logische Begründung, aber ich habe einfach den Eindruck dass der Eine Ring genau diesen Aspekt von Sauron verkörpert. Zitieren
Blauborke Geschrieben vor 1 Stunde Autor Geschrieben vor 1 Stunde vor 17 Minuten schrieb gathame: Das ist ein interessanter Gedanke: das Ringgedicht beschreibt eher den faktischen Zustand zu einer bestimmten Zeit als die ursprüngliche Planung. Na ja, da sind sich nicht alle Gelehrten so sicher wie @Tolwen Aber das ist Thema in einem anderen Thread Noch eine kleine nachgeschobene Randnotiz von mir zum vermeintlichen "Streben nach Macht" bei Sauron und Melkor. Ich würde nicht sagen, dass die beiden nach Macht streben, sie sind mächtig - und sie nehmen für sich in Anspruch - auch weil sie sich, wie Tolwen sagt, durch ihre "tieferen Einsichten in Arda (aufgrund ihrer Eigenschaft als Ainur)" dazu legitimiert fühlen -, diese Macht uneingeschränkt ausüben zu können. Das ist möglicherweise an sich noch nicht böse, darin liegt aber schon die Wurzel allen Übels. Steht auch so in der Ainulindalë Zitieren
Tolwen Geschrieben vor 1 Stunde Geschrieben vor 1 Stunde vor 20 Minuten schrieb gathame: Und das leuchtet mir ein: bei Sauron spielt der Gestaltungswille eine ganz zentrale Rolle. Er geht (ebenso wie Melkor) davon aus dass er seiner Natur nach tatsächlich eine tiefere Einsicht in die Dinge hat, und davon leitet er für sich das Recht ab anderen Personen wie etwa Elben oder Menschen vorzugeben wie sie zu leben und was sie zu tun haben. Und das wäre ja als solches tatsächlich nicht grundsätzlich böse. In Tolkiens Arda schon, denn damit beraubt er sie ihres freien Willens. Er möchte sie beherrschen und dass sie so handeln, wie er es will oder für richtig hält. Dieser Wunsch nach Ordnung der Dinge an sich ist nicht böse, doch je mehr er beinhaltet, Elben, Menschen und/oder Zwerge zu lenken und zu beherrschen, umso mehr wird er "böse". Der Kernauftrag und Gebot Erus an die Ainur (inkl. Melkor und Sauron) war zwar Arda zu bauen und gestalten, doch nicht anzustreben, die Kinder Erus zu beherrschen - und sei es mit den besten Absichten. Die Ainur sind in Tolkiens Weltentwurf nur so etwas wie "engelsgleiche Hausmeister", welche die Welt für Erus Kinder (Elben, Menschen und Zwerge) bewohnbar machen sollen. Diese sollen sich dort frei entfalten und ihre eigenen Möglichkeiten entdecken und entwickeln. Sie sollen nicht durch die Ausübung überlegener Macht und/oder Herrlichkeit der Ainur hierin gehemmt oder beeinflusst werden. Aus diesem Grunde gab es unter den Valar ja eine lange und heftige Debatte, ob sie die Elben nach Aman einladen sollten. Dies geschah mit den allerbesten Absichten: Sie sollten vor Melkor geschützt werden und in Frieden leben können (und etwas Egoismus war auch dabei, denn so hatten die Valar die Gesellschaft der Elben). Doch damit begaben sich die Valar auf den schlüpfrigen Pfad, die Elben zu beeinflussen. Natürlich waren sie in einem Dilemma - überliessen sie sie Mittelerde und hielten sich auftragsgemäß raus, so riskierten sie ein schlimmes Schicksal für die Elben in Melkors Herrschaftsbereich. Mischten sie sich ein, so riskierten sie eine schwer kalkulierbaren Eingriff in die freie und eigenständige Entwicklung der Elben. Den Valar war all dies klar und eben deshalb war es lange und heftige Debatte. Der nächste Schritt ist dann nicht nur dieses noch gute Motiv des Beschützens, als nächstes kommt Unterrichtung, dann Lenkung und dann Beherrschung. Es ist wie im richtigen Leben - der Weg zur Hölle ist mit guten Absichten gepflastert. Der Endpunkt - Herrschaft ohne Widerspruch - ist das, was Melkor und ganz besonders Sauron anstrebten, die Valar aber aus Weisheit nicht. Mit einer solchen Beherrschung durch einen mittelirdischen "Luzifer" wären die Kinder Erus nur noch Sklaven seines Willens und dessen beraubt, was ihre Existenz im Kern ausmacht: Wesen mit einem freien Willen und Möglichkeit zur eigenständigen Entwicklung. vor 20 Minuten schrieb gathame: Allerdings, in dem Moment wo Elben oder Menschen nicht seiner Meinung sind und nicht so reagieren wie gewünscht "kippt" Saurons Reaktion und er versucht sie zu kontrollieren, und zwar versucht er das zunehmend gewaltsam. Da entsteht dann wirklich diese "böse-kontrollierende Variante" und rückt mehr und mehr in den Vordergrund. Herrschaft war von Anfang an Saurons Ziel bei dem Ringprojekt. Hätte es geklappt, wäre es die elegante Variante gewesen. Als dies durchschaut wurde, wechselte er problemlos zur Gewalt. Ich würde sagen, dass Sauron da Pragmatiker war und das jeweils effizienteste und erfolgversprechendste Mittel anwendete. vor 20 Minuten schrieb gathame: Ich frage mich gerade was der "Eine Ring" speziell mit dieser böse-kontrollierenden Variante von Saurons Gestaltungswillen zu tun hat. Mir fehlt dazu im Moment noch die logische Begründung, aber ich habe einfach den Eindruck dass der Eine Ring genau diesen Aspekt von Sauron verkörpert. Der Eine Ring ist von Anfang an ein Machtmittel, welches ihm erlaubt, die geringeren Machtmittel (die Elbenringe) zu kontrollieren. Es ist eine Erweiterung seiner Möglichkeiten: Ohne den Ring wäre sein unmittelbarer Einfluss nicht so weitreichend, auch über große Distanzen. Auch als er noch auf das Gelingen seines ursprünglichen eleganten Planes bauen konnte war der Ring von vornherein das Mittel, diese Pläne zu verwirklichen. Ohne ihn hätte Sauron nicht so wirken können. In diesem Sinne war er also ein Machtmultiplikator. Zitieren
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