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Varminwea

Húrin Thalion und Isildur

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Varminwea

Der Schatten Isildurs Teil 1 Der Diener des Mondes und der Standhafte

Als mich die Orks überfielen, wusste ich noch nicht, dass ich eine Rolle zu spielen hatte. Eine Rolle, die Jahrtausende vor mir bereits ein anderer Mensch gespielt hatte. Ich glitt durch das Wasser und sah kurz einen Gegenstand auf mich zu schwimmen. Rasch überprüfte ich, ob der Ring noch an meinem Finger war. Der Eine war noch da. Er war wunderschön. Ich tauchte kurz auf und holte wieder Luft. Da sah ich am Ufer, jemanden gegen Orks kämpfen. Ein goldener Helm mit einem Drachen stach aus den Bäumen hervor.
„A Túrin Turambar turún' ambartanen! - Meister des Schicksals, vom Schicksal gemeistert!“, erscholl eine Stimme.
Ich hörte die Orks kreischen.
Ein riesiger Ork, der noch aus der alten Zeit stammte, schrie: „Normigil!“.
Dann vernahm ich das Zischen von Pfeilen. Ich tauchte rasch wieder unter und schwamm den Anduin hinauf. Ich tauchte weg von meinen Feinden. Doch da sah ich es. Ein Schwert, schwarz wie die Nacht, lag auf dem Grund des Flusses. Ich schwamm auf es zu und dann spürte ich, wie der Ring langsam nach vorne glitt. Verzweifelt versuchte ich meinen Finger zu krümmen, aber irgendetwas hielt mich auf. Ich erreichte das Schwert und der Ring glitt von meinem Finger. Ich wurde empor getragen, brach aus dem Wasser heraus und dann der schreckliche Schmerz. Ein Pfeil bohrte sich in meinem Rücken und das Wasser verschwand.

„Isildur!“, ertönte eine Stimme. Ich sah auf und erblickte einen schwarzen Thron aus Asche. Auf diesem Thron saß ein Mensch. Er trug eine Rüstung und sah sehr edel aus. „Isildur! Auch mir hat das Wasser, das Leben genommen. Doch wir beide sind dafür bestimmt zurückzukehren. Wir beide sind verflucht“, sagte der Mann.
„Wer seid Ihr?“, fragte ich und wollte nach Narsil greifen, doch da kam die schmerzliche Erinnerung.

„Meinen Namen kennt Ihr nicht, obwohl Ihr mein Ahne seid. Ich bin Húrin Thalion. Einst Herr eines Menschenreiches in den alten Tagen Ardas. Dann gefangener Morgoths und schließlich brachte ich einer weißen Stadt den Untergang“, sagte der Mann.
„Der weißen Stadt?“, fragte ich. „Minas Thirith?“
„Nein, Gondolin brachte ich zu Fall“, sagte der Mann.
„Ich habe noch nie etwas von Gondolin gehört. Sagt, was geschah Euch, Húrin“, fragte ich.
„Wir haben nicht mehr viel Zeit. Einst ging Euer Vater ein Bündnis auf Tol Morwen ein. Elendil der Lange, Sohn von Amandil, trat an das Grab meiner Kinder und an das meiner Frau. Sein Vater trug ihm eine Botschaft des Herrn der Adler vor und so besiegelte Elendil die Bitte des Einen. Sollte er durch Morgoths Erben niedergestreckt werden, so würde sein Leben auf meinen Sohn übergehen. Elendil fiel von der Hand Saurons und mein Sohn erwachte“, sagte Húrin.
„Was habe ich damit zu tun?“, fragte ich.
„Du bist Träger meines Fluchs. Er stürzt meine gesamte Sippe in Dunkelheit. Doch da dein Schicksal mit meinem ähnlich sein wird, wird deine Dunkelheit nicht der Tod sein. Sauron weiß um deine Blutlinie. Er hat schon lange versucht, dem Fluch auf die Spur zu kommen. Er glaubt, in den Nachkommen Tuors sei noch Morgoths Macht enthalten. Er wird versuchen diese aus dir herauszubrechen“, sagte Húrin.
„Wer oder was ist Morgoth?“, fragte Isildur.
„Seid ihr so ungebildet, König von Gondor!“, schrie Húrin und ich hatte keine Ahnung, was er meinte.
Húrin erhob sich und auf einmal veränderte sich meine Umgebung.

„Turgon! Fliehe!“, rief eine Stimme.
Es war die wesentlich jüngere Stimme meines Gegenübers.
„A Eruchin!Targando a chadad! (Kinder Erus! Macht euch bereit zu kämpfen!)“, ertönte eine raue Stimme.
Ein großer Mensch ritt auf einem Pferd heran. „Tour! Mein Bruder“, erklärte Húrin mir und ich sah gebannt zu, wie eine Streitmacht von Menschen sich auf einem Hügel aufstellte.
„Aran Fingon Fingolfiniôn! (König Fingon, Sohn von Fingolfin)“, ertönte eine Sprache, die ich nicht kannte.
„Was war das?“, fragte ich und starrte einen Elb auf einem weißen Pferd an, der den Hügel hinaufgeritten kam.
„Das war Quenya, die Sprache der Noldor. Und dies ist das Heer von Hithlum, in dem ich mitkämpfte“, sagte Húrin.
„Mitkämpfte? Wobei mitkämpfte?“, fragte ich entsetzt.
Inzwischen hatte sich der Elb namens Fingon an die Spitze des Heeres gestellt.
„Kinder Hithlums! Kinder Dor-Lomins! Kämpft gegen die Scharen Morgoths, auf das die Belagerung Angbands nicht breche!“, schrie der Elbenkönig.
„Schöne Worte für einen, der den Fluch der Valar trägt“, ertönte eine Stimme.
Ich traute meinen Augen nicht, eine Person in pechschwarzer Rüstung ritt auf einem goldenen Drachen und landete vor den Reihen der Orks. Diese Stimme ... aber das konnte nicht sein, oder doch? Als die Gestalt den Helm abnahm, auf dem eine Krone aus purem Eisen lag, erkannte ich ihre Augen. Dieses Himmelblau war unverwechselbar. Sie trug statt ihrer nachtschwarzen Haare, feuerrotes Haar und sah ein bisschen jünger aus. Warum bei Eru, führte meine Frau Varminwea Orks in die Schlacht?
„Ânudkhâl!“, riefen die Orks im Chor. Ich verstand dieses Bild nicht. Meine alles liebende Ellessariel; Königin Minas Thiriths, war bereit, Elben und Menschen zu töten.

„Hwesta Sulimo!“, schrie Fingon und in diesem Moment kam Glorfindel auf das Heer der Orks zu.
„Im Namen des Cousins meines Königs, Maedhros, bitte ich dich, Herrin des Taniquetils! Dich an deinen Schwur Feanor gegenüber zu erinnern. Du kannst noch umkehren. Keiner der Noldor will gegen die Freundin ihres einstigen Hochkönigs kämpfen. Keiner will gegen den Elenmanar kämpfen. Du kannst dich noch für die richtige Seite entscheiden. Keiner von uns glaubte die Gerüchte. Doch nun stehst du hier, auf der Seite Morgoths. Auf der Seite deiner Familie. Doch müsstest du nicht an der Seite der Söhne deines Freundes stehen?“, sagte Glorfindel.
Sie verengte die Augen und ich sah, wie sie wankte.
„Kâlob Morgoths (SCH Licht Morgoths), was sollen wir tun? Lasst uns angreifen, Herrin!“, sprach ein Ork zu ihr.
Sie zögerte mit einer Antwort und ihr Blick war völlig verzweifelt. Dann wurde ihr die Entscheidung einfach abgenommen.
„Greift Turgons Heer an. Und vernichtet jeden Gondolindrim, den ihr finden könnt. Nehmt den König gefangen“, befahl eine raue Stimme.
Ein Wesen aus Feuer, ein Dämon, wie ihn die Zwerge nannten, trat an Varmineas Seite.
„Wir ihr befiehlt, Gothmog!“, sagte der Heerführer der Orks und das Heer Morgoths griff an.
Ich sah die Elben angreifen und es gab schon nach wenigen Minuten Tote auf beiden Seiten.
Jeder Noldor, der sich gegen Varminwea stellte, benutzte die Worte: „Manweiell, Túlta í Cala (QU Tochter Manwes, Komm ins Licht!)“
Ich war so auf meine Frau fixiert, dass mich Húrin am Arm packte und meinen Blick auf sein jüngeres Ich lenkte.
„Aure Entuluva!“, rief Húrin aus und stürzte sich auf zwei Trolle.
„Húrin! Haltet Stand!“, rief Fingon, als er vom Hügel, der bereits mit Orks übersät war, herunterritt. „Komm Bruder!“, rief Huor und rannte ins Tal. Da sah ich einen schwarzen Pfeil auf ihn zu kommen.
„Hay IHR!“, rief ich und Húrin begann zu lachen.
„Dies ist nur eine Erinnerung, Isildur! Das was geschehen ist, kann nicht geändert werden“, meinte Húrin und legte mir eine Hand auf die Schulter. Der Pfeil verfehlte ihn. Plötzlich schrie es über das ganze Schlachtfeld.
„Euer König ist tot!“, rief Gothmog und der Balrog stieg in die Luft und warf den Leichnam Fingons auf den Boden.
„Nein!“, schrie ein Mann inmitten von weißen Elben.
„Wer ist das?“, fragte ich.
„Das, Isildur, ist Turgon, Sohn von Fingolfin und Fingons Bruder“, erklärte Húrin mir.
Ich sah jetzt, wie Húrins jüngeres Ich sich zu Turgon vorkämpfte.
„Ihr müsst fliehen, Herr! Ihr seid der, den Morgoth am meisten fürchtet. Wenn ihr untergeht, gibt es keine Hoffnung mehr. Dann ist euer Bruder umsonst gestorben. Geht!“, sagte dieser Húrin und Turgon nickte.
Er rief zum Rückzug aus und dann verschwand alles.

Ich sah jetzt Húrin und Huor an einem Fluss sitzen. Sie hielten ihre Schwerter bereit.
„Bis in den Tod, Bruder?“, fragte Huor.
„Du hast leicht reden. Morwen will, dass ich zurückkomme. Ich kann Túrin nicht alleinlassen“, sagte Húrin.
„Wir sind Turgons einzige Chance!“, ermahnte Tuor ihn.
„Ich weiß!“, seufzte Húrin.
Dann ertönten Rufe und ich sah Varminwea an der Seite eines Heeres aus Wölfen durch die Schlucht kommen. Der Kampf begann und ich sah, wie sich die Brüder tapfer hielten. Dann kam ein weiterer Pfeil. Er traf Tuor direkt ins Auge. Húrin sah es und rannte zu seinem Bruder. Ich bemerkte, wer den Pfeil abgeschossen hatte. Es war Varminwea. Jetzt hatte sie getötet.
Dieses Monster hatte nichts mit meiner Frau gemeinsam.
Alle anderen Soldaten Dorlomins starben und nur Húrin hielt sich tapfer. Er stand mit einer Orkaxt da und erschlug ein Troll nach dem anderen.
Jedes Mal rief er Elbische Worte. „Aure entuluva!“, kam aus seinem Mund.
„Aure entuluva!“, hallte immer wieder über die Orks.
„Was sagt Ihr da?“, fragte ich den älteren Húrin.
„Das ist Quenya. Es heißt, es soll wieder Tag werden“, erklärte Húrin mir.
Dann sah ich sie auf ihn zukommen.
„Tapfer haltet Ihr euch, Mensch! Doch seht, alle eure Männer sind tot. Ihr werdet nicht mehr lange genug leben, um sie zu betrauern“, sagte Varminwea kalt zu Húrins jüngerem Ich.
„Ich werde kämpfen bis ich falle. Ihr werdet mich nicht auf Knien sehen, Herrin der Thangorodrim!“, knurrte Húrin Varminwea an.
Varminwea sah ihn nachdenklich an.
„Ihr habt wirklich Mut. Ich habe immer geglaubt, die Atani seien schwach. Aber Ihr seid stark, sehr stark! Wie ist Euer Name?“, fragte sie ihn. „Húrin, Sohn Galdors!“, antwortete der Mensch.
„Und Ihr, Elenmanar! Ich hörte die Geschichte einer Valiere, die dem Schicksal dient. Doch wie kann die Herrin Ilmarins und Tochter des Königs Ardas, sich für so ein Blutbad entscheiden, wenn sie das Schicksal verspürt. Wusstet Ihr nicht von jedem Menschen hier seine Geschichte? Und habt Ihr wirklich keine Reue? Euer Freund Feanor ist auf so einem Schlachtfeld gestorben. Die Schlacht unter den Sternen war genauso blutig. Doch Ihr kämpft für jene, die foltern und morden aus Lust. Jeder einzelne Ork hier ist aus purer Selbstverteidigung und dem Wunsch nach Frieden getötet worden. Die Elben und die Menschen aus Hass und Vernichtungswillen. Wollt Ihr das Werk, das Eru Ilúvatar schuf, so verstümmeln? Wollt Ihr seine Kinder, denen Ihr einst ein Diener wart, so zugrunde richten?“, fragte Húrin.
Varminwea starrte auf Húrin und sah die Leichen der Menschen an.
„Nein! NEIN!“, rief Varminwea und ihre roten Haare wurden schwarz und Sterne schimmerten in ihnen.
„Dies seid Ihr, VARMINWEA, Herrin der Lüfte und der Sterne. Nicht das Westlicht, das im Dunkeln Angbands scheint“, sagte Húrin.
„Das reicht jetzt, Mensch. Dafür werdet Ihr vor meinem Vater kommen. Soll Melkor selbst Euch Eurer Strafe zuführen“, keifte Gothmog und griff Húrin an.
Dieser leistete keinen Widerstand und wurde gefesselt. Der Balrog schleppte ihn davon. Dann drehte er sich um und sagte: „Komm Cousine!“
„NEIN! Er hat Recht! Was bin ich, die Eruhíni zu töten? Wer bin ich, die Söhne des Halbbruders meines besten Freundes zu bekämpfen. Ich bin Varminwea nicht Ânudkâhl!“, rief meine Frau und dann rannte sie davon. Sie rannte einfach weg und ließ alles hinter sich. Ich sah zu wie sie im Wald verschwand.

„Ihr habt sie zur richtigen Seite gebracht?“, fragte ich.
„Sie kehrte zurück und bleib einige Monate bei Morgoth. Ich führte in meiner Zelle lange Gespräche mit ihr. Dann floh sie und geriet nach Gondolin. Dort tat Turgon Rache für den Tod seines Bruders“, antwortete Húrin.
„Was für eine Rache?“, fragte ich.
„Ich kann dir nur meine Erinnerungen zeigen“, antwortete der Mensch.

Als nächstes sah ich einen dunklen Thron auf einem riesigen Berg. Hurin saß darauf und neben ihm schimmerte ein Licht. Genau genommen zwei Lichter.
„Was ist das?“, fragte ich.
„Die Silmaril, Isildur!“, antwortete Thalion.
Ich sah nun zu, was sich vor mir zeigte. Ich konnte dabei auch Húrins Verzweiflung sehen. Die Sonne schien und ihre Strahlen trafen bis auf die schneebedeckten Gipfel eines dreizackigen Berges aus Asche. Auch berührten sie das Gesicht eines alten Menschen, der nicht weit von den Gipfeln des Gebirges saß. Es war ein älterer Mann. Ich erschrak, als ich ihn erkannte.
Húrin Thalion ließ die Sonne sein Gesicht streicheln. Er konnte nur seinen Kopf bewegen. Alles andere schien von einer Macht gefesselt zu sein.
„Warum könnt Ihr euch nicht bewegen?“, fragte ich.
„Morgoth hat mich an den Thron gebunden“, erklärte mir Húrin.
. Jetzt sah ich Tränen die Wangen des Menschen herunterlaufen.
„Warum weint ihr?“, fragte ich.
„Dies Isildur, ist das Jahr 499 im Ersten Zeitalter. Der Tod meiner Kinder liegt erst wenige Minuten zurück. Meine Kleinen haben sich gefunden und lieben gelernt. Sie haben sogar ein Kind zusammen. Niemand anderes als Varminwea zog meine Tochter Niniel Nienor aus den Wassern des Tegling und nahm ihren und Túrins Sohn Nurin, Ion en rach, Sohn des Fluchs, in ihre Obhut. Meine Linie überlebte. Doch Varminwea tat es nicht, weil ich sie darum gebeten hatte, etwas von meinen Kindern zu retten. NEIN, sie tat es, wegen des Fluchs“, knurrte Húrin.
Er war wütend, dass konnte ich spüren.
„Elessariel hat dies bestimmt nicht ganz aus Eigennutz getan. Ich kenne sie und weiß, dass sie ihr eigenes Wohl immer über andere stellt. Besonders jene, die sich ihre Freunde nennen können, profitieren davon. Sie würde sich für jeden opfern. Sie würde Valandil, unser Sohn, niemals benutzen. Sie hält geheim, was sie ist und hat seine Ainurseite verschlossen. Sie will nicht, dass ihr Vater je von diesem Kind erfährt. Diese Varminwea soll nun damals aus Eigennutz gehandelt haben? Das kann ich mir nicht vorstellen“, meinte ich.
„Tatsache ist, dass mein Fluch durch diese Tat überlebte. Das Hunderte von Nurins Nachkommen in die Dunkelheit fielen. Noch immer gibt es das Haus Hador, wenn auch verborgen. Sie werden ihn zurückbringen. Durch diesen Fluch hat er Macht hier. Es ist das einzige, was Morgoth noch an Arda bindet“, meinte Húrin.
„Dein Enkel konnte Leben. Ein Geschenk, dass nur Eru geben kann. Dein Enkel war Anführer eines mächtigen Volkes. Ich kannte seinen Ahnen Harion Turambar. Deine Linie überlebte sogar Númenor. Nun lebt sie in Ecthelion und Denethor II. weiter. Dieser Fluch hat meiner Frau Hoffnung gegeben. Sie erzählte mir indirekt von dir und dem Schicksal deiner Kinder. Ich weiß, dass meine Frau immer versuchte, das Haus Hador zu schützen. Sie versuchte, sie vor dem Fluch zu bewahren. Sie hat Harion gerettet. Durch Aldanír konnte sie vier Monate mit ihrem Onkel verbringen. Dies war Manars glücklichste Zeit. So habe ich sie nie wieder gesehen. Es war richtig was sie tat. Du hast kein Recht, ihr diese Entscheidung schlecht zu machen“, sagte ich ihm.
„Du weißt, nicht was mit Nurin geschah!“, schrie Húrin mich an.
„Dann erzähl es mir!“, forderte ich.
Húrin winkte ab und ich sah der Szene zu.

Eine Träne rann dem Adan über die Wange. Sie galt seinen Kindern Nienor und Túrin. Beide waren gestorben. Er hatte das Schicksal seiner Tochter gesehen und wusste, dass er nun Großvater geworden war. Wenige Stunden später hatte sich sein Sohn Túrin Turambar mithilfe seines Schwertes in den Tod gestürzt. Grausam, dass sein einziger Sohn so enden musste. Seine Augen suchten nach der einzigen Person von seiner Familie, die noch am Leben war. Morwen Eledhwen war allerdings nirgends zu finden. Da Húrin der Blick

Morgoths aufgezwungen worden war, hoffte er, dass sich seine Frau versteckte und der Fluch sie nicht auch noch nehmen würde.
"Er wird auch sie treffen. Genauso wie Nurin", hörte er eine grausame und gleichzeitig freudige Stimme.
Das Strahlen der Silmaril erfasste den Adan und Húrin wagte es nicht, seinen Kopf zu bewegen. Morgoth trat nun vor den Thron und besah sich seinen Gefangenen. Húrin blickte zu ihm auf und er sah, dass Melkor lächelte.
"Es sind noch nicht alle von Hadors Erben tot. Nurin wird ein sehr guter Diener sein, genauso wie sein Vater es war", sagte Melkor.
Hurins Blick verfinsterte sich.
"Baw! Mein Indyo wird dir niemals dienen!", schrie Húrin Melkor an.
"Du beherrschst die Sprachen der Quendi gut für einen Atan. Man merkt Euch sofort an, dass Ihr Elben dient, Herr von Dor-Lómin", spöttelte Melkor.
Húrin ließ sich nicht kränken und schaute wütend in die Augen des dunklen Herrschers. Da fiel Húrin der fehlende Silmaril in der Krone Morgoths auf.
"Euch sieht man an, dass Ihr nicht ganz so unbezwingbar seid, wie ihr Euch gebt, Feind Ardas!", stieß Húrin von Abscheu erfüllt aus.
"Irgendwann wird auch Eure Wortgewandtheit gebrochen sein. Keines der Kinder Erus existiert, das ich nicht gebrochen habe. Jene, die mir dienen sind ebenfalls Kinder Ilúvatars. Jene Orks, die deinen Bruder jagten, waren einmal Quendi. Und so wird es auch den Zweitgeborenen ergehen, wenn ich ihre Reiche zerstört habe. Siehe, was bereits aus deinem Land geworden ist. Tod und Leid beherrschen Dor-Lómin. Dein eigener Sohn wurde von seiner Heimat vertrieben", sagte Melkor.
"Irgendwann wird es Hoffnung geben. Solange Valinor steht werden die Mächte sich nicht abwenden können", sagte Húrin.
"Den Valar ist Mittelerde gleichgültig", lachte Melkor und seine Stimme hallte bis an den Fuß des Berges, zum Tor von Angband hinunter.
"Vor dir steht einer der größten Mächte. Stärker als alle Aratar zusammen. Niemals werden die Valar sich meiner annehmen, weil sie viel zu sehr fürchten, sie könnten Arda in ihren Grundfesten erschüttern und das zerstören, was sie geschaffen haben. Das wäre auch der Untergang der Atani und Quendi. Sie werden es niemals wagen, denn es wäre gegen den Willen des Einen. Du hoffst vergebens!"
Húrin sah ihn verdutzt an. Er glaubte Melkor kein Wort.
"Was sind die Aratar?" fragte er und fühlte sich in dem Moment wie ein Kind.
"Manwe, Varda, Ulmo, Aule, Yavanna, Nienna, Orome und Mandos!", donnerte Melkor.
Seine Stimme war voller Hass und den Namen seines Bruders spuckte er regelrecht aus.
"Die Valar?" fragte Húrin. Melkor lächelte.
"Das Licht Amans bleibt Euch verwehrt, also habt Ihr als Atan kein Recht auf dieses Wissen. Fragt die Elda!", antwortete Melkor.
Er beugte sich zu Húrin herunter und grinste ihn an.
"Ich habe einen Gast für Euch", sprach Morgoth weiter.
"Aber Ihr solltet auch angemessen gekleidet sein."
Er fuhr nun mit dem Finger über Húrins Gesicht. Der Atan konnte keinen Muskel rühren und so auch die Berührung nicht verhindern. Ein Riss entstand in seinem Gesicht und Blut tropfte seine Wange hinab. Melkor lachte befriedigt auf und brach dann, mit einer Handbewegung, den Bann unter dem der Sohn Galdors an den Thron gefesselt gewesen war. Húrin stand auf und sah nach unten.
"Wollt Ihr es Euren Kindern gleichtun?", fragte Melkor lachend und trat an Húrins Seite.
Der Ainur flüsterte dem Menschen ins Ohr: "Dann werden meine Drachen Euch auffangen. So könnt Ihr mir nicht entkommen. Noch werde ich Euch nicht sterben lassen." "Was wollt Ihr, Morgoth?", fragte Húrin niedergeschlagen.
"Kommt, Fürst des Dritten Hauses der Edain, und folgt eurem Gebieter", befahl Morgoth und trat zur Treppe, die in die unterirdische Festung führte.
"Ihr seid nicht mein Herr. Ich werde Euch niemals dienen!", schrie Húrin aufgebracht.

Melkor grinste und sah den Atan an.
"Ihr wollt doch Euren Gast nicht warten lassen, nicht wahr? Vielleicht solltet Ihr Euch eingestehen, dass ihr eine gewisse Schuld am Tode eures Bruders tragt", sagte er und begann die Stufen hinabzusteigen.
Húrin blieb auf der Plattform stehen und sah dem Ainu hinterher. Melkor drehte sich noch einmal um.
"Wenn Ihr kommt, erfahrt Ihr das Schicksal eures Neffen. Rían ist nach der Nirnaeth Arnoediad zurückgeblieben und hat Huor einen Sohn geschenkt", erklärte Melkor und grinste, als er Húrins erstauntes und zugleich erschrockenes Gesicht sah.
"Sagt nicht, mein Neffe ist hier", flüsterte Húrin geschockt.
"Kommt, und Ihr werdet es erfahren", antwortete Morgoth und stieg in die Dunkelheit hinab.
Húrin wusste, dass seine Neugier größer war, als sein Trotz und folgte dem Ainu in die Festung Angband. Die Treppe war lang und dunkel. Das einzige, was Húrin Licht spendete, waren die Silmaril in Melkors Eisenkrone. Das letzte Mal war Húrin diesen Weg vor 24 Jahren gegangen. Er stolperte mehr hinter Morgoth her, als er wirklich ging. Seine Beine fühlten sich an, als wären sie zu Eis gefroren und würden gerade erst wieder auftauten. Für einen kurzen Augenblick spielte der Adan mit dem Gedanken, wieder nach oben zu rennen und sich doch vom Thangorodrim zu stürzen. Doch Melkor drehte sich augenblicklich zu ihm um, kaum hatte er diesen Gedanken vollendet.
"Ihr seid noch immer gefesselt, Thalion!", zischte Morgoth und lächelte verstohlen.
Húrin sah seinen Feind niedergeschlagen an und spürte gleichzeitig das unsichtbare Band, das ihn an Morgoth heftete. Mit einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit nahm Húrin die letzten Stufen. Dann betrat der Sohn Galdors die riesige Thronhalle Angbands.

Dann verschwand die Szene und eine Neue bildete sich.
Húrin auf einem Berg und verzweifelte schreiend. Er rief nach Turgon.
„Damit besiegelte ich Gondolins Schicksal“, meinte Húrin und ich sah einfach weiter zu und verspürte Mitleid.
Er kam zu einem Stein. Es war das Grab seiner Kinder. Dort wartete eine schwarzhaarige Frau auf ihn. Ich sah, wie sie redeten, konnte aber kein Wort verstehen. Die Frau starb in Húrins Armen.
„Lebewohl, Morwen!“, flüsterte Húrin zu der Sterbenden.
Dann sah ich Varminwea durch die Bäume kommen.
„Thalion! Ich kann dein Leid lindern. Nimm du ihn! Gib deinem Leben eine Aufgabe“, verlangte sie von Húrin.
„Nein!“, schrie der Mann, als sie ihm das Bündel mit dem Kind hinstreckte.
Das Gesicht des Jungen war von einer krummen Nase gezeichnet und seine rechte Hand hatte nur drei Finger. Die Augen waren hell und klar. Das Kind trug die schwarzen Haare seines Vaters. Es lächelte. Der Großvater sah seinen Enkel an und streckte die Hand aus. Plötzlich verspürte er wieder den Thron unter sich.
„Nein!“, sagte er leise.
„Er ist bereits des Todes.“
„Trotz dieser Missbildungen kann und wird er leben. Er trägt die Haare seines Vaters und die Augen ...“, fing Varminwea an.
„... seiner Mutter! Meiner Tochter, Morwens Trauer“, beendete Húrin den Satz.
„Nienor wollte nicht, das er lebt. Ich hörte ihren Ruf. Sah, wie sie fiel. Ich traf diese Entscheidung für dich, Thalion“, sprach Varminwea.
„NEIN! Er wird sterben, wie sie alle sterben. Wie Morwen starb, wie Túrin starb, wie Nienor und wie Lalaith“, schrie Húrin und sein Blick war düster und verzweifelt.

„Húrin! Es muss nicht zu sein. Ich bin Melkors Nichte. Ich kann den Fluch lösen“, sagte Varminwea und ihre Augen füllten sich mit Tränen.
„Was ändert es schon! SIE SIND TOT!“, schrie der Mensch und Varminwea legte Nurin vor ihn auf das Grab seiner Eltern.
„Nimm ihn!“, forderte sie.
„NEIN! Töte dieses Ding, was nicht da sein sollte. Sie waren Bruder und Schwester! Verstehst du! Das hat sie beide das Leben gekostet. Deswegen haben sich beide in den Tod gestürzt. Ich werde dieses Scheusal nicht als meinen Enkel anerkennen!“, schrie Húrin und rannte davon.
„Húrin! Húrin! Es gibt immer noch deinen Neffen! Húrin!“, schrie Varminwea.

Einzelne Bilder zogen am mir vorbei. Húrin, wie er einen Zwerg erschlug. Wie er jenes Schmuckstück in ein Elbenreich trug, dass ich auf dem Grund des Anduins gesehen hatte. Er nannte es Nauglamir. Dann sah ich ihn an einer Klippe und unter ihm das Meer.
„Möge mein Körper nun Arda gehören. Es gibt nichts mehr, was mich auf Ea hält. Oh Morwen, ich komme! Oh Kinder, ich komme! Wasser, Wasser nimm Húrin, den Verfluchten, Nimm Thalion, den Standhaften. Nimm den Vater Nienors, so wie du sie nahmst. Oh Ulmo, ich begebe mich in deine Hände, wie einst. Trage mich zu meiner Familie!“, rief er und dann fiel er.
Wasser verschluckte ihn und ich sah einen Feuerschlund sich unter dem Wasser auftun. Húrin verschwand darin.

Damit änderte sich die Umgebung wieder in den schwarzen Saal mit dem dunklen Thron.
Ich starrte Húrin an und schluckte.
„Es tut mir leid!“, sprach ich.
„Das muss es nicht. Meine Mutter Flamiria rettete mich“, meinte Húrin und ich umarmte ihn.
Plötzlich brannte meine Stirn. Ich sah in einen Spiegel und sah einen goldenen Helm mit einem Drachen auf meiner Stirn.
„Laufe vor deinem Schicksal nicht davon, Isildur. Du hast die Chance, Varminwea vielleicht zu helfen. Nur du und ein Schmied, die Silberhand nämlich, könnt Varminwea von ihrem Weg abbringen“, meinte Húrin.

Dann schlug ich plötzlich die Augen auf. Wasser fühlte meine Lungen und ich hustete. Arme zerrten mich über matschigen Boden. Meine Hände wurden gefesselt und als ich aufblickte, lag ich auf einer Trage und Orks waren um mich herum. Sie trugen mich auf ein riesiges schwarzes Tor zu.
Das Morannon, dachte ich.
Nein, nicht Mordor! Warum bin ich nicht tot?
Dann sah ich den Ring an meinem Finger. Es war einer der Neun.

 

Ende

Edited by Varminwea

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