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Wagner - Der Ring des Nibelungen

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Alsa
Am 3.2.2018 um 10:11 schrieb Berenfox:

 Ich war erst 16, verstand nur die Hälfte vom Text und hatte nie zuvor eine Oper gehört - und doch ist genau das passiert, was Thielemann in der Doku sagt. Die Musik hat zugeschlagen und dazu geführt, dass ich mich tiefer damit auseinandersetze.

 

Das ist ja interessant, dass Thielemann das so wusste. Thielemann ist ja auch so ein "Gebissener".  Mittlerweile meine ich an ihrer Ausdrucksweise - so, wie sie über Wagner reden - erkennen zu können, ob sie von ihm "gebissen" sind oder ob sie Wagner nur zu einem ihrer Spezialgebiete gemacht haben. 

Ich kenne ersteres so nicht. Von realen Menschen kann ich "gebissen" werden, ja, und dann will ich da mehr wissen. Auch von Sängern oder Pianisten oder Geigensolisten kann ich "gebissen" werden, bin also von ihrer Stimme oder ihrem Ton so verzaubert, dass ich mir da mehr von besorge.

Es ist aber - bis auf ersteres, also bei realen Menschen und ihrem Wesen - immer nur zeitweilig. 

 

Zitat

Wagner tut bei mir das Gleiche wie Tolkien. Er verzaubert mich und reißt mich in die Faërie.

Das habe ich fast vermutet.

Nicht umsonst beschäftigen sich nicht wenige Tolkianer auch leidenschaftlich mit Wagner. Und meine leise Abwehr und manchmal auch Antipathie sind bezüglich Tolkien und Wagner auch verwandt. 

Ich erkläre mir das so - dass das bei mir anders nicht funktioniert -, dass ich als Kind sowohl der marschierenden Militärmusik der DDR-Soldaten/Sowjet-Armeen täglich ausgesetzt war als auch den süßlich-saugenden Liedern einer pietistisch-christlichen Gemeinde. 

Meine Natur lehnte beides ab, und ich musste mich als Kind davor bewahren, seelisch vereinnahmt zu werden. Militärmärsche, Posaunenchöre - beide wollen massiv auf das Unterbewusste wirken und taten es bei mir auch. Ich entwickelte aber meinen Intellekt ziemlich früh dagegen an.

Mit dem Erfolg, dass ich am Ende mich in überhaupt nichts mehr fallen lassen konnte. - Außer in die Liebe - das ging tatsächlich dennoch immer. :-)

Das, was Du über Wagner und Tolkien sagst - dass sie dich sofort in die Faerie gerissen haben:  diesen Dienst tat bei mir "Der goldene Topf" von E.T.A. Hoffmann. Den lasen wir kurz vor dem Abi in der Schule, und mir fielen fast die Augen aus dem Kopf. So war mir echt noch nie: ein reales menschliches Wesen, das auf einer anderen Ebene ein Geisterfürst war - das schlug echt durch. 

Meine Deutschlehrerin - der ich von meiner Faszination erzählte - konnte das nicht nachvollziehen. Sie, eine klare Antifaschistin, die noch die Nazizeit miterlebt hat, sagte, dass die - künstlerische - Romantik den Faschismus vorbereitet habe. 

Diesen Stachel habe ich bis heute nicht verloren. Es wird ja von vielen so gesagt. Ich habe tatsächlich auch bei zumindest einem meiner Lieblingsromantiker vor einiger Zeit feststellen müssen, dass er Judenhass hatte. 

Wo ist da, verdammt noch mal, der Zusammenhang?

Ich habe, glaube ich, über nichts mehr nachgedacht, als darüber. Bei Wagner taucht das Problem wieder auf, bei Tolkien in anderer Form letztlich auch.

Irgendwann meine ich zu dem Verstehen gekommen zu sein, dass Wagner, Tolkien, die künstlerische Romantik etc. Grenzgänger sind. Sie loten das Unbewusste, das Triebhafte, die verborgenen Sehnsüchte aus. Sie machen eine Gratwanderung. Sie gehen direkt am Abgrund entlang spazieren und starren in die Tiefe. Sie gehen also genau da lang, wo die Realität an Boden verliert und das Irreale beginnt. 

Manche sind so drauf, dass sie das müssen; vielleicht ist es Veranlagung. Andere müssen das nicht, schreiben über Politik und Gesellschaft und bleiben so auf dem realistischen Boden. 

Die "Grenzgänger" hingegen laufen Gefahr, von dem "Abgrund" so hypnotisiert zu werden, dass sie hineinfallen oder sich selber da hineinfallen lassen. 

Unter "Abgrund" verstehe ich in dem Fall den "kollektiven Urgrund" - sprich: sich mit Archetypen und der Masse so identifizieren, dass sie das Ich aufgeben. C.G. Jung hat gerade darüber viel geschrieben. Wer sein Ich in dieser Weise verliert, sagt Jung, verfalle dem Wahnsinn.

Tolkien sagt ja auch andauernd, dass die Faerie ein "gefährliches Reich" sei. Ich habe damit immer genau das assoziiert, was ich eben beschrieben habe. Die Archetypen - die Hexe, Wotan etc. - sind Kollektivfiguren. Sie "wohnen" sozusagen in unser aller Psyche, meist im Unterbewussten. Als solche können sie mitunter so verzaubern, dass man sich ganz damit identifiziert.

 

Heute habe ich die Position, dass wir die Grenzgänger unbedingt brauchen. Denn all diese unterbewussten kollektiven Phänomene sind in uns Menschen ja vorhanden. "Immer schön auf dem Teppich bleiben", den Boden der Realität nie verlassen: das gerade kann verheerend sein. Denn dann bricht es ja erst recht aus, wenn man es ignoriert. 

Heute also glaube ich - ob ich mich irre, weiß ich nicht -, dass das Irrationale uns Menschen vor allem dann überrollen kann, wenn wir es ignoriert haben. Genau dann verfallen wir nämlich den archetypischen Heilsverkündern, wenn wir in dem Punkt nicht Bescheid wissen.

Was die Grenzgänger betrifft - dass auch sie mitunter zu sehr in den Abgrund starren und sich nicht richtig abgrenzen können oder selber verhext werden - müsste dann meinem Verstehen nach noch wieder anders gesehen werden. Sie setzen sich mit einem hochgefährlichen Gebiet auseinander, um das Ergebnis dieser Recherche an die Menschheit weiter zu geben. Sie setzen sich also einem hohen Risiko aus, um etwas zu erkunden, das hochexplosiv ist. 

Wenn Stefan Mikisch - der Pianist und Musikerklärer in der Ring-Doku-Serie - Recht hat, dann wird in dem "Ring" vorexerziert, wie diese Abgrundgefahren "transformiert" werden, also aus der Gefahrenzone gerissen werden, verwandelt werden und so ein Antrieb zur echten Menschwerdung - letzteres sind jetzt meine Worte -  werden können.

 

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Saruman der Weiße

Schön, dass es hier auch Wagnerianer gibt.

Es ist mir ein Bedürfnis mich kurz zum Thema Heldentenor zu äussern.

Lauritz Melchior ist hinsichtlich des Stimmmaterials unübertroffen aber er war ganz sicherlich nicht der einzige Heldentenor des 20 Jhdts. Max Lorenz, Ludwig Suthaus, Günther Treptow, Bernd Aldenhoff, Ramon Vinay, Hans Hopf und Jon Vickers haben alle Anforderungen eines schweren Heldentenors erfüllt.

Einen richtigen Heldentenor braucht man eigentlich nur für Tannhäuser, die beiden Siegfriede und Tristan.

Lohengrin, Siegmund, Walther und Parsifal schaffen auch hochdramatische Tenöre wie Franz Völker, Set Svanholm, Wolfgang Windgassen, Jean Cox, James King, Jess Thomas, Spas Wenkoff, Helge Brilioth, Rene Kollo, Rainer Goldberg, Siegfried Jerusalem, Peter Hofmann, Peter Seiffert, Ben Heppner, Johan Botha oder Jonas Kaufmann. Keiner von diesen war jedoch ein richtiger Heldentenor.

Die Heldentenöre par excellence des 20 Jhdts. waren Melchior, Suthaus und Vickers.

Die Walküreeinspielung (bzw. der 1 Akt) unter Bruno Walter mit Melchior, Lehmann und den Wiener Philharmonikern gilt als Referenzaufnahme, beeindruckt mich aber nicht so sehr wie die Furtwängleraufnahme von 1954 mit Suthaus. Auch Vickers unter Karajan gefällt mir besser als Melchior.

Das Dirigat von Boulez gefällt mir sehr gut aber Peter Hofmann als Siegmund ertrage ich nicht.

Einen Sänger der den Tristan stemmen konnte gab es in den letzten 50 Jahren keinen. Auch hier sind Suthaus und Vickers unerreicht.

 

LG Saruman

 

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Alsa

@Saruman der Weiße

Hallo Saruman, willkommen in diesem Forum und besonders in diesem Thread.  :-)

Du scheinst Dich ja mit Sängern und vor allem Wagnersängern auszukennen. 

Ich selber kann da nicht so mitreden, weil mein Augenmerk mehr auf der Regie liegt - aber ich lerne sehr gerne dazu. So nach und nach werde ich mich in die erwähnten Stimmen hineinhören, glaube ich.

Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass man, wenn man nur auf die Stimmen hört, am Ende nur die besten Stimmen ertragen kann. Mir geht es so beim Klavier. Wenn man einmal wirklich unfassbar gute Pianisten gehört hat - die im Grunde dann gar nicht mehr "Musik" interpretieren, sondern etwas erzählen oder beschreiben -, dann genügt einem nur noch dies.

Nichtsdestotrotz: Wagner hat seine Musikdramen für die Bühne gedacht. Und ich selber möchte auch an die Bühnen die allerhöchsten Anforderungen stellen, sowohl an das Bühnenbild als auch an die szenische Gestaltung, also die Regie.

Und da kann noch sehr ein Sänger kommen, der unter allen lebenden Siegfried-Sängern stimmlich der Beste ist:

wenn er die Rolle nicht glaubhaft gestaltet, dann ist die Aufführung insgesamt für mich indiskutabel.

Wenn der Siegfried des "Siegfried" mit einem siebzigjährigen Sänger besetzt wird, weil es keinen anderen Heldentenor gibt, dann jault meine Phantasie auf. Ich steige aus und leide wie ein Schwein. 

Das heißt, natürlich kann man das Regiekonzept so erstellen, dass nicht ein Zwanzigjähriger von einem Siebzigjährigen gemimt wird , sondern ein siebzigjähriger Protagonist - als Beispiel - sich in einen zwanzigjährigen Siegfried hineinzudenken sucht, Dann darf er wie 70 aussehen. 

Oder man erfindet einen Siegfried, der auch mit siebzig noch "ein junger Tor" ist. Dann darf er auch wie 70 aussehen. 

Dann muss aber eben genau das gespielt werden und nicht so getan werden, als ob der Siebzigjährige zwanzig ist. 

Ich selber habe keine Mühe, bei einer Aufführung da Kompromisse zu machen. Zumal ja heute auch Stadttheater Wagners Ring spielen, sogar den Tristan. 

Die Figur muss glaubhaft sein, denn sonst haben wir Laientheater. Ich glaube, es liegt oft an dieser Schwierigkeit bei Wagner, dass Regisseure auf die verrücktesten Ideen kommen, um das mit für die Rolle zu alten oder verfetteten Sängern glaubhaft hinzukriegen: dass die Sänger z.B. alle auf die Gesichter aufgepinselte Masken tragen u.ä.

 

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Alsa
Am 3.2.2018 um 10:11 schrieb Berenfox:

@Wagner: Ich habe, als ich etwa zehn Jahre alt war, eine Aufnahme des Trauermarschs aus der Götterdämmerung gehört - und war instantan total von den Socken.

 

Das passt ja mal wieder. Weiter oben hatte ich geschrieben, dass ich in der Regel von Wagner nicht gefressen werde - aber dass es zwei Stellen (Leitmotive) gebe, bei denen ich es dann doch werde. Die erste hatte ich genannt, die zweite nicht. 

Die zweite habe ich bewusst erst in Teil 4 der Dokumentationsfilme wahrgenommen, 

Es handelt sich hier um das Todesmotiv,, das erst ziemlich am Ende der "Götterdämmerung" auftaucht.

Ich werde morgen dazu Klangbeispiele bringen; ich muss mir das erst selber genau klar machen.

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Torshavn

Hallo @Saruman der Weiße,

auch von mir ein 'Herzliches Willkommen' hier im Forum:-)

du magst offensichtlich auch Superlative und Absolutheiten;-)

Am 5.2.2018 um 00:55 schrieb Saruman der Weiße:

Das Dirigat von Boulez gefällt mir sehr gut aber Peter Hofmann als Siegmund ertrage ich nicht.

Nur aus Neugierde: Magst du deine Abneigung bitte ein bißchen erläutern?

Am 4.2.2018 um 16:26 schrieb Alsa:

Meine Deutschlehrerin - der ich von meiner Faszination erzählte - konnte das nicht nachvollziehen. Sie, eine klare Antifaschistin, die noch die Nazizeit miterlebt hat, sagte, dass die - künstlerische - Romantik den Faschismus vorbereitet habe. 

Diesen Stachel habe ich bis heute nicht verloren. Es wird ja von vielen so gesagt. Ich habe tatsächlich auch bei zumindest einem meiner Lieblingsromantiker vor einiger Zeit feststellen müssen, dass er Judenhass hatte. 

Wo ist da, verdammt noch mal, der Zusammenhang?

Ich habe, glaube ich, über nichts mehr nachgedacht, als darüber. Bei Wagner taucht das Problem wieder auf, bei Tolkien in anderer Form letztlich auch.

Irgendwann meine ich zu dem Verstehen gekommen zu sein, dass Wagner, Tolkien, die künstlerische Romantik etc. Grenzgänger sind. Sie loten das Unbewusste, das Triebhafte, die verborgenen Sehnsüchte aus. Sie machen eine Gratwanderung. Sie gehen direkt am Abgrund entlang spazieren und starren in die Tiefe. Sie gehen also genau da lang, wo die Realität an Boden verliert und das Irreale beginnt. 

Manche sind so drauf, dass sie das müssen; vielleicht ist es Veranlagung. Andere müssen das nicht, schreiben über Politik und Gesellschaft und bleiben so auf dem realistischen Boden. 

Die "Grenzgänger" hingegen laufen Gefahr, von dem "Abgrund" so hypnotisiert zu werden, dass sie hineinfallen oder sich selber da hineinfallen lassen. 

Dein ganzer Post @Alsa hat mich irgendwie stark in innere Bewegung gebracht. Da sind ein paar steile Thesen dabei. OK die Romantik als Wegbereiter des Faschismus ist nicht ganz neu. Aber so ganz nachvollziehen konnte ich sie nie.

Welcher deiner Lieblingsromantiker hast du denn als Antisemit identifiziert?

Also Künstler, die sich mit nicht realistischer Literatur oder Musik befassen, laufen schneller Gefahr auf Totalitarismus hereinzufallen? Verlieren sich schneller in globalen Ablehnungen als Realisten? So habe ich deinen Post jetzt mal interpretiert. Mir möchte das nicht einleuchten. Auch wenn du Jungs Archetypenlehre anführst.

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Alsa
vor 23 Stunden schrieb Torshavn:

nischeWelcher deiner Lieblingsromantiker hast du denn als Antisemit identifiziert?

Ich bin nicht sicher, ich habe den Namen vermutlich schnell verdrängt.

Und selbst, wenn ich ihn wüsste: in einem Forum müsste ich mich hundertprozentig absichern, wie man auf diese Idee kommen kann: ich müsste also belegen. Und das würde Zeit in Anspruch nehmen. 

Und es müsste in einem anderen Thread geschehen, hier geht es ja um Wagner.

vor 23 Stunden schrieb Torshavn:

Also Künstler, die sich mit nicht realistischer Literatur oder Musik befassen, laufen schneller Gefahr auf Totalitarismus hereinzufallen? Verlieren sich schneller in globalen Ablehnungen als Realisten? So habe ich deinen Post jetzt mal interpretiert. Mir möchte das nicht einleuchten. Auch wenn du Jungs Archetypenlehre anführst.

Nein, nein, um Himmels Willen. Das habe ich hoffentlich nie gesagt. 

Einleuchten kann es einem vielleicht nur, wenn man sich selber überprüft. 

Thomas Mann, Friedrich Nietzsche: sie beide hatten auch dieses Thema. Einerseits gebe es den Abgrund in einem - das Chthonische, Boshafte, Todessüchtige. Andererseits gebe es auch die Sehnsucht nach dem Humanen und der Individualisierung des Einzelnen.

Beides ist wohl in jedem Menschen enthalten, und beides hat, wenn es extrem wird, große Gefahr.

Ich versuche das mal, die beiden Extreme auf den Punkt zu bringen:

a. Eintauchen in die Masse, mit der Masse identisch sein wollen, das Ich darin ertrinken lassen.

b. Das Ich von der Masse und überhaupt von den anderen trennen, nur dem Ego und dem Egoismus dienen wollen.

Ich bring mal ein Beispiel für a, an das ich mich gut erinnere:

Vor der Öffnung der DDR gab es ja viele Demonstrationen, wo im gemeinsamen Rhythmus immer wieder gerufen wurde: "Wir sind das Volk".

In den Nachrichten wurde dann gezeigt, wie so eine Reihe von stehenden Demonstranten immer wieder rief, ohne aufzuhören: "Wkir sind das Volk, wir sind das Volk, wir... etc."

Norbert Blüm war zu der Zeit dort anwesend; er ging auf diese Menschen zu, mit gestreckter Hand, weil er ihnen die Hände schütteln wollte. Die Kamera ging auf die Augen der Rufenden, und man konnte deutlich sehen, dass sie wie in Trance waren, fast glasige Augen hatten. Sie sahen Norbert Blüm gar nicht, der direkt vor ihnen stand; keiner ergriff seine Hand. Sie wiederholten nur den immer gleichen Satz, im selben Rhythmus.

Blüm ging leicht verunsichert wieder zurück.

Diese Massentrance ist ein sehr ersehnter Zustand, weil man da alles vergisst, nur die Masse in sich fühlt. 

Meiner Beobachtung nach wird dieser Zustand heute immer mehr ersehnt. Man begibt sich in Gruppen, wo es eine klare kollektive Ansicht gibt.

- Fortsetzung folgt

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Saruman der Weiße

Hallo Alsa, hallo Torshavn!

Vielen Dank für eure Willkommensgrüsse.

Ich höre klassische Musik seit ich 16 bin, also seit nunmehr beinahe 30 Jahren. Ich liebe klassische Musik, alle Epochen von Perotinus bis Alban Berg. Unglücklicherweise bin ich völlig unmusikalisch, habe ein schlechtes Gehör und überhaupt keine Befähigung zur Analyse, verspüre jedoch stetig den unwiderstehlichen Drang mich zu musikalischen Themen zu äussern. Ich ersuche euch daher höflichst mich nicht allzu Ernst zu nehmen.

@Torshavn: Ja, wenn ich mich zu Musik äussere, dann verwende ich gerne und inflationär Superlative, bin aber jederzeit gerne bereit einzuräumen, dass meine Meinung äusserst subjektiv ist. Wenn ich also schreibe, dass Suthaus der beste Tristan des 20 Jhdts. war, dann meine ich natürlich, dass er das für mich war.

Die Tenöre die ich oben aufgezählt habe, von Völker bis Kaufmann, waren bzw. sind alle hervorragend, aber sie waren keine schweren Heldentenöre. Windgassen als Tristan, Thomas als Siegfried, Wenkoff als Tannhäuser, Kollo als Tristan, Goldberg als Siegfried, Hofmann als Tristan, mit diesen Rollen haben sie sich alle schwer verhoben. Tristan und Siegfried sind ja praktisch stimmlich kaum zu bewältigen, ich weiss nicht was Wagner sich gedacht hat als er diese Partien komponiert hat. Vielleicht schwebte ihm schon sehr früh der Gedanke eines überdachten, also eines schallgedämpften Orchesters vor wie es in Bayreuth der Fall ist. Ohne "Deckel" auf dem Orchester können im Tristan und Siegfried beinahe alle Sänger nur brüllend bestehen und das ist es was mir die meisten Tristan- und Siegfriedeinspielungen verleidet. Melchior, mit Einschränkungen Lorenz, Suthaus, Treptow, Aldenhoff, Vinay und Vickers waren absolute Ausnahmeerscheinungen mit Riesenstimmen, die auch singend gegen das Tristan- und Siegfriedorchester ankamen. Kein Sänger seit den Siebzigerjahren verfügte über eine derartig voluminöse, schallkräftige Stimme wie die ebengenannten.

Relata refero! Das ist es was mir vor zwanzig Jahren ein alter Wagnerianer, der alle grossen Wagnersänger seit Ender der Vierzigerjahre live gehört hat, erzählt hat. Genau das gleiche hat mir im Jahr 2000 eine ältere Dame aus Wien berichtet, die selbst an der Staatsoper gesungen hat. Sie war eine grosse Bewundererin von Max Lorenz, den sie selbst noch gehört hatte, und schwärmte von der Urgewalt seiner Stimme, neben der die "zeitgenössischen Heldentenöre" nicht ansatzweise bestehen könnten. Claude Heater hatte einen eigenen Account auf You Tube und schrieb dort irgendwo, dass Vickers die grösste Stimme hatte die er je gehört hatte, die Schallkraft seiner Stimme vor allem in Mittellage war gigantisch im Vergleich zu allen Heldentenören nach ihm. Josef Metternich 1986 im Da Capo Interview mit August Everding sagt "Was heutzutage als Heldentenor verkauft wird, wäre vor fünfzig Jahren lyrischer Tenor in Braunschweig gewesen", er weigert sich zwar Namen zu nennen, aber man kann sich denken, dass er Kollo, Goldberg, Jerusalem und Hofmann meint, eventuell auch die Amerikaner Cox, King und Thomas. Jürgen Kesting bezeichnet Ludwig Suthaus im direkten Vergleich mit zeitgenössischen Heldentenören als einen Heroen aus grauer Vorzeit.

Lange Rede, kurzer Sinn, seit den Siebzigern gibt es eine Heldentenorkrise, die Stimmen waren und sind "kleiner" und schwächer als die eines Melchior oder eines Vickers. Fehlendes Volumen und fehlende Schallkraft sind im Tristan und Siegfried jedoch schwer kompensierbar. Sich durch die Partie zu brüllen ist für mich unbefriedigend. Der Tannhäuser ist problematisch weil die Tenorpartie sehr hoch notiert ist, also eine voluminöse Stimme mit müheloser Höhe verlangt.

Diese Krise haben wir allerdings nur im schweren Heldentenorfach. Ich habe in den letzten Wochen immer wieder die drei Monteverdiopern gehört. Jede einzelne in verschiedenen Einspielungen der letzen 25 Jahre. Die Sänger, natürlich auch die Sängerinnen waren zum Teil phänomenal.

Torshavn, noch ganz kurz zu Peter Hofmann. Ich habe eingangs schon erwähnt, dass mir die Befähigung zur Analyse fehlt. Alsa hat es sehr schön in seinem Klaviervergleich formuliert, ich habe Melchior, Suthaus, Vinay und Vickers als Siegmund gehört, Hofmann kommt dagegen in keiner Hinsicht an. Er hat ein sehr schönes, baritonal gefärbtes Timbre, aber das Stimmaterial ist meiner Meinung nach mangelhaft, mir gefällt er in der Tiefe nicht, in der Mittellage nicht und in der Höhe auch nicht. Einige Gesangsexperten bescheinigen ihm eine sehr schlechte Technik, viele Kritiker halten ihn für einen der überschätztesten Heldentenöre des 20. Jhdts. Vielleicht habe ich ihm mir einfach nur schlechtreden lassen. Ich lasse mich leicht von Leuten beeinflussen, die mehr von Musik verstehen als ich. Dass seine Stimme im Bernsteintristan in keinem guten Zustand ist höre jedoch sogar ich.

@Alsa: Um ehrlich zu sein zum Thema Inszenierung und Regie habe ich nichts qualifiziertes zu sagen, davon verstehe ich überhaupt nichts. Ich bin überhaupt nicht visuell, habe keinen Sinn für Ästhetik, für mich stand und steht immer die Musik im Vordergrund. Oft gefallen mir Bühnenbild, Kulisse und Kostüme, aber so wichtig war mir das nie. Sehr gut gefallen hat mir die Lohengrininszenierung von Werner Herzog. Harnoncourts Monteverdizyklus unter der Regie von Ponnelle finde ich auch grossartig. Mein Vater und meine Schwester verfügen beide über überdurchschnittliche visuelle Begabung und Kunstverständnis. Mein Gott was ich die beiden beneide. Meine Schwester kann, was weiss ich, 50 verschiedene Rottöne unterscheiden, ich kann mit Müh und Not hellrot von dunkelrot unterscheiden. Ich kann hier leider nicht auf gleicher Augenhöhe mit dir konversieren.

 

Zur Wagners Antisemitismus: Natürlich war er Antisemit, die unerfreulichste seiner vielen unerfreulichen Charaktereigenschaften. Dennoch hat er den Juden Hermann Levi mit der Uraufführung des Parsifal betraut. Reich Ranicki dessen gesamte Familie von den Nazis ermordet wurde war ein glühender Wagnerianer. Er könne nichts antisemitisches im Tristan oder den Meistersingern finden. Das hat mir gefallen!

 

LG

 

 

 

 

 

 

 

bearbeitet von Saruman der Weiße

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Berenfox

@Saruman der Weiße Danke für deine Ausführungen zu den Sängern. Das kann ich ziemlich genau so unterschreiben. Der einzige Grund, warum ich mich auf Melchior und Vickers beschränkt hatte, war der Rahmen dieses Threads: Ich wollte bloß das Augenmerk auf ein, zwei Größen lenken, die man sich fix mal auf Youtube für einen Vergleich anhören kann.

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Alsa
Am 9.2.2018 um 14:05 schrieb Torshavn:

Dein ganzer Post @Alsa hat mich irgendwie stark in innere Bewegung gebracht. Da sind ein paar steile Thesen dabei. OK die Romantik als Wegbereiter des Faschismus ist nicht ganz neu. Aber so ganz nachvollziehen konnte ich sie nie.?

[...]

Also Künstler, die sich mit nicht realistischer Literatur oder Musik befassen, laufen schneller Gefahr auf Totalitarismus hereinzufallen? Verlieren sich schneller in globalen Ablehnungen als Realisten? So habe ich deinen Post jetzt mal interpretiert. Mir möchte das nicht einleuchten. Auch wenn du Jungs Archetypenlehre anführst.

 

Noch einmal zu Deinem post, Torshavn, da ich mich da offenbar missverständlich ausgedrückt habe:

Wir als Menschen haben Bewusstsein als auch das Unterbewusstsein in uns. 

Das Unterbewusstsein trägt - meiner Meinung nach - sowohl das Schöpferische, Kreative in sich als auch die Sehnsucht, das Bewusstsein aufzugeben. 

Wer sich - zum Beispiel - künstlerisch mit dem Unterbewussten beschäftigt, um an das Schöpferische heranzukommen, läuft mitunter Gefahr, dem Unterbewussten zu verfallen und ihm sozusagen zu glauben.

Darum schreiben C.G. Jung und Tolkien - ob auch Wagner, weiß ich noch nicht -, dass wir unter keinen Umständen den realen Boden verlassen dürfen, wenn wir uns "in die Tiefe" begeben. 

Massenparolen, suggestive Ansichten wollen meist auf das Unbewusste/Unterbewusste wirken. Dort werden dann die "Archetypen" angesprochen  - "Gott", "der Jude", "der Germane", "der Führer" etc. 

Auf charismatische Figuren unserer realen Welt werden dann nicht selten diese Archetypen projiziert und unkritisch akzeptiert.

Für mich ist der Weg der künstlerischen Romantik, sich mit dem Unterbewusstsein zu beschäftigen und archetypische Figuren in ihren Erzählungen und Opern wie reale Wesen herumlaufen zu lassen, unerlässlich, um als Mensch oder gar Menschheit reifen zu können. 

Aber wir dürfen ihnen eben nicht verfallen, sondern müssen uns mit ihnen mit Vernunft und Realitätssinn auseinandersetzen. 

Wagners Leitmotive tragen oft stark suggestiven Charakter. Aber wir dürfen ihnen (so meine Meinung) als Zuhörer oder Leser nicht einfach "glauben": sondern müssen sie überprüfen. 

 

 

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Torshavn

Heute eröffnen die Bayreuther Festspiele mit einer Neuinszenierzung des 'Lohengrin'. Die Oper wird live ab 16.00 Uhr im Videostream übertragen (und ist sicherlich auch noch ein paar Tage lang in der Mediathek zu sehen):

Live aus Bayreuth Lohengrin

Wer mag kann auch ins Kino gehen. Dort beginnt die Übertragung zeitversetzt um 18.00 Uhr. Ein Kino in eurer Nähe findet ihr hier:

Wagner Lohengrin im Kino

Weitere Infos rund um die diesjährigen Festspiele findet ihr hier auf BR Klassik. Es werden noch einige weitere Opern übertragen:

Infos Bayreuther Festspiele

Viel Freude beim Hören und Sehen:-)

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Alsa
vor 3 Stunden schrieb Torshavn:

 

 

Hallo Torshavn,

das finde ich toll, dass Du uns daran erinnerst. Wirklich vielen Dank. 

Ich hoffe, ich kann auch per Internet die live-Übertragung abrufen; sieht aber so aus.

Als Dirigent ist freudigerweise Christian Thielemann erwähnt. Es gibt Partien im "Ring", die sind unter seinem Dirigat für mich eine Wucht.  Er zählt inzwischen wohl zu den besten Wagner-Dirigenten der Welt. 

Dass als Bühnenbildner/Kostümbildner Neo Rauch dabei ist, freut mich ebenfalls sehr. Er ist mir mal als Maler sehr aufgefallen. Wenn er dabei ist, kann's eigentlich schon mal nicht schiefgehen. :-)

Seine Bilder haben etwas Surreales - und ich habe, glaube ich, in diesem Thread weiter oben schon mal geschrieben, dass für mich der Surrealismus eine Art Weiterentwicklung der künstlerischen Romantik ist.

Und Richard Wagners Werk kann man ja auch als Spät- oder Neuromantik werten. 

Die letzte Lohengrin-Inszenierung in Bayreuth war, wie ich nachgelesen habe, 2012, unter dem Regisseur Hans Neuenfels.  Diese sog. "Ratteninszenierung" habe ich tatsächlich zufällig auf DVD, sie aber nie gänzlich studiert.

Sie hat aber was. Ich liebe es ja, wenn man ältere Opern intelligent neu deutet, ohne sie diffamnieren zu wollen. 

Die anderen Namen kenne ich nicht weiter. Für mich sind bei einer Operninszenierung nicht die Stimmen das Zentrale, sondern das Regiekonzept samt seiner Umsetzung durch diese Sänger.

Na, dann mal Glück auf für diese Inszenierung!

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Alsa

Jetzt ist grad die erste Pause, und ich habe NICHT EINEN Buh-Ruf gehört.

Gerade wird der Dirigent Thielemann interviewt und spricht über den Bühnenbildner Neo Rauch.

Er schwärmt von ihm, na, Gott sei Dank. Er schwärmt überhaupt über die gute Probenatmösphäre, die er lange nicht mehr so gehabt habe.

Nichtsdestotrotz:

Bis auf eine Ausnahme packt mich das bisher nicht. Es ist mir zu bieder, zu altmodisch. 

Die Ausnahme ist die Hauptdarstellerin der Elsa.

Sie wirkt wie im Grenzbereich wirkend, halb schon im Traumland, vielleicht auch fast ganz.

Und das ging mir dann wirklich unter die Haut. 

 

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Torshavn

Mir hat der 'Lohengrin' gut gefallen.

Bühnenbild und Ausstattung waren gelungen. Diesen 'traumhaften' Charakter mochte ich.

Schön fand ich es beim Abschied Waltraud Maiers von der Rolle der Ortrud dabeigewesen zu sein. Sie hat sie gut gesungen.

Bis auf Zeppenfeld (König Heinrich) waren alle Sänger und Sängerinnen neu für mich. Besonders begeistert hat mich Anja Harteros als Elsa. Da werde ich jetzt mal schauen, das ich mehr von ihr höre und sehe. Der Lohengrin Sänger konnte mich irgendwie nicht so überzeugen.

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Torshavn

Bin bei 'arte' über einen ganz anderen 'Lohengrin' gestolpert (leider nur noch bis 25.10.2018 in der Mediathek). Eine bewußt politische Inszenierung von Olivier Pye, angesiedelt im zerstörten Deutschland 1945. Ich bin mir nicht sicher , ob mir das gefällt:

https://www.arte.tv/de/videos/082264-000-A/olivier-py-inszeniert-lohengrin/

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