Ithilwen Geschrieben vor 14 Stunden Geschrieben vor 14 Stunden Diese Kurzgeschichte spielt im Rahmen der letzten Folge von Staffel zwei der Amazon-Prime-Streaming-Serie „Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht“, nach dem Tod des Ork-Anführers Adar. In meiner Geschichte wird statt „Ork“ der Begriff „Uruk“ verwendet. (Dies ist schlicht die Übersetzung des Sindarin-Wortes in die Schwarze Sprache.) Die weiteren Aussprüche in Schwarzer Sprache habe ich der Serie entnommen. Dies ist die erste Fanfiction, die ich veröffentliche. Vielen Dank an @Maethnibenis für die Ermunterung und fürs beta-Lesen! Letztes Geleit für Adar Adar lag blutüberströmt mit leerem Blick auf dem mit Kiefernnadeln bedeckten Waldboden. Das Blau seiner toten Augen leuchtete im Sonnenlicht, das in einem schmalen Strahl durch die Wipfel der Bäume auf sein Gesicht fiel. Seine Kinder hatten immer wieder auf ihn eingestochen, nachdem Glûg den ersten Stich getan hatte. Adar hatte sich in keiner Weise gewehrt, hatte sich seinem Schicksal gestellt. Er hatte das Vertrauen seiner Kinder verloren, er hatte zu viel von ihnen verlangt. Wofür hätte er dann noch weitermachen sollen? Ohne seine Kinder wäre das Leben für ihn bedeutungslos geworden, wie sein Name. Glûg verneigte sich vor Sauron. „Eure Befehle, Fürst Sauron?“ „Löscht Eregion aus, lasst keine Elben am Leben. Aber bringt mir ihre Anführer.“ „Hail Zambatuk! Durbol thralkur! – Heil Sauron! Dem neuen Dunklen Herrscher!“ Der vom Uruk-Hauptmann ausgesprochene Jubel wurde von vielen der anderen Uruks übernommen, sie riefen ihn einige Male, während sie sich entfernten. Die Letzten in der Marschkolonne konnten hören, wie zwischen Sauron und Galadriel ein Kampf begann, das Klirren der Schwerter entfernte sich schnell in die entgegengesetzte Richtung. Angrû hielt inne und sah zurück. Auf der Lichtung befand sich niemand mehr. Zhor, ein Gefährte aus ihrer Kampfeinheit, ging an ihr vorbei und zog sie am Arm mit sich. Sie entwand sich dem Griff, er ging mit einem Schulterzucken weiter. „Wollt ihr ihn etwa einfach hier liegen lassen?“, fragte sie. Niemand reagierte auf ihre Worte, die Uruks marschierten weiter. „Brüder!“ rief sie laut. Ein paar drehten sich um. „Er war trotz allem unser Vater. Wir können ihn hier nicht liegen lassen, damit er von wilden Tieren zerfetzt wird.“ Glûg hatte das Stocken in den hinteren Reihen bemerkt und kam zurück, um den Ungehorsamen Beine zu machen. Er hatte Angrûs letzte Worte gehört und winkte ab. „Und wenn schon! Er hat viele von uns in den sicheren Tod geführt, weil er, und nur er allein, Sauron jagen wollte. Wir schulden ihm nichts!“ Aus der Menge der Uruks war vielfach zustimmendes Brummen zu hören und alle wandten sich zum Gehen. „Weitermarschieren!“ befahl der Hauptmann. Angrû lief hinter ihm her. „Zuletzt war er irregeleitet, das gebe ich zu. Ich wollte auch nicht in diesen Kampf ziehen. Deshalb haben wir getan, was wir getan haben. Aber in all den Jahren zuvor hat er alles für uns getan. Sogar eine Heimat hat er uns verschafft! In der auch dein Kind heranwachsen wird, ohne von der sengenden Sonne gequält zu werden.“ Glûg blieb stehen, sah Angrû kurz an und stapfte mit einem verächtlichen Schnaufen weiter. „Er hat unsere toten Brüder und Schwestern immer den Flammen übergeben, hat jeden und jede in die Dunkelheit zurückgeschickt. Das ist das mindeste, was wir jetzt für ihn tun können!“ Angrû sprach nicht flehend, sondern wütend. Ein paar Uruks wandten sich zu ihr um, während Glûg sie ignorierte. „Ja, das hat er“, sagte Snaghûl, ein weiterer Uruk aus Angrûs Einheit. „Er hat niemals einen Uruk einfach irgendwo liegen lassen.“ Er ging zurück zu Angrû, ihm folgte Zhor. Glûg drehte um und kam wütend auf die drei Meuterer zu. „Wir haben einen klaren Befehl von Fürst Sauron erhalten. Ihr kommt alle mit. Oder es wird noch mehr schwarzes Blut diesen Waldboden tränken.“ „Saurons Befehle“, sagte Angrû verächtlich. „Jetzt ist genau das passiert, was Adar nie für uns wollte: wir sind Sklaven des Hexenmeisters. Du konntest dich ihm nicht schnell genug unterwerfen, hast dich tief vor ihm verbeugt. Vor Adar mussten wir uns nie beugen. Wenn, dann taten wir es freiwillig, aus Respekt.“ Ein paar wenige Uruks stießen leise Laute der Zustimmung aus. Snaghûl und Zhor nickten entschlossen. „Ich für meinen Teil wähle einen anderen Weg“, erklärte Angrû, hob stolz ihr Kinn und legte die Hand an ihren Dolch. Glûg hatte keine Angst vor einem Kampf mit ihr, aber ein solcher würde ihn unnötig aufhalten. Er musste Sauron vielmehr beweisen, dass er ein fähiger Hauptmann war. „Jeder, der jetzt nicht sofort mit uns nach Eregion marschiert, gilt als Verräter. Und für Verräter gibt es keine angemessene Bestattung.“ Er wandte sich um und setzte sich wieder an die Spitze der Kolonne. Snaghûl griff Angrûs Arm und zog sie mit sich, als er sich der Kolonne anschloss. Als sie protestieren und sich entwinden wollte, legte er einen Finger an seine Lippen und zwinkerte ihr zu. Sie sah ihn irritiert an, blieb aber ruhig und ging mit. Anscheinend hatte er einen Plan. Auch Zhor ging hinter den anderen her. Der Hauptmann überzeugte sich mittels eines kurzen Blickes, dass alle Uruks hinter ihm waren. Für ihn war die Meuterei damit erledigt. Die Uruks marschierten zum Zwergentunnel, um auf schnellem Weg nach Eregion zu gelangen und traten einzeln nacheinander in das Dunkel der Felsen. Snaghûl sah Angrû und Zhor an und neigte den Kopf leicht in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Beide verstanden, dass dies die Gelegenheit war, sich unbemerkt abzusetzen. *** Sie liefen zurück zur Lichtung, auf der Adar gestorben war. Niemand war dort, alles war still. Angrû kniete neben dem Vater der Uruks nieder. „Nampat uglursha – Stirb‘ in Ehre“, sagte sie zärtlich und legte ihre Hand auf seine kalte Stirn. Ein letztes Mal leuchtete das intensive Blau seiner Augen auf, die sie nun für immer schloss. Eine Träne rann ihre Wange hinunter. „Wir müssen so schnell wie möglich weg von hier, bevor Sauron zurückkommt“, sagte Zhor. „Den Scheiterhaufen müssen wir woanders errichten.“ „Nicht nur das“, sagte Angrû, während sie sich erhob, „wir werden uns ein neues Zuhause suchen müssen, wo wir uns bis ans Ende unserer Tage vor Sauron versteckt halten. Ich bin nämlich nicht bereit, mich für seine Zwecke zu opfern. Ihr etwa?“ Ihre Gefährten schüttelten den Kopf. Sie legten Adars Leichnam auf die Trage, mit der der vermeintlich verletzte Glûg auf die Waldlichtung getragen worden war. Snaghûl und Zhor nahmen die gekreuzten Stangen über die Schultern, während Angrû voran ging. *** Sie liefen so viel wie möglich im Schatten. Dadurch kamen sie jedoch nicht so schnell voran, wie von Angrû beabsichtigt. Jedes Mal, wenn ein Stück Weg von der Sonne beschienen war, mussten sie ihre Sonnenmäntel überziehen. Schattige Umwege waren wegen der Trage kaum möglich. Die Uruk wollte so viel Weg wie möglich zwischen ihre Gruppe und Sauron bringen, aber sie konnten den Leichnam auch nicht tagelang umhertragen. Als sie im Norden von Eregion am Fuß des Gebirges eine tiefe, schattige Schlucht erreichten, entschieden die drei, dass es hier geschehen sollte. Ein besserer Ort ließ sich so schnell nicht finden. Und vielleicht würde der Rauch von Eregion aus nicht zu sehen sein. Sie legten Adar auf dem felsigen Boden ab und suchten im Wäldchen am Eingang der Schlucht Holz. Hier gab es viele tote Zweige und Äste, große und kleine, sodass sie nicht erst Bäume fällen mussten. So wuchs ein beachtlicher Scheiterhaufen in die Höhe. Daneben zündeten sie ein kleines Feuer an. Sie nahmen Adar Brustpanzer, Gürtel, Handschuh, Kettenhemd und Beinschienen ab und legten seinen Körper auf den Holzstoß. Gemeinsam standen die drei Uruks um den Scheiterhaufen. Snaghûl nahm einen brennenden Ast aus dem Feuer, machte aber keine Anstalten, den Scheiterhaufen in Brand zu setzen. Er sah Angrû an und hob auffordernd sein Kinn. Sie sah zu Zhor und er nickte. Angrû verstand. Sie trat an den Scheiterhaufen und legte ihre Hand auf Adars Schulter. „Ushta-ish, hul-agda ú burzum – Durch Flammen, zurück in die Dunkelheit“, flüsterte sie liebevoll. „Namarië, adar. – Lebwohl, Vater.“ Diesen elbischen Abschiedsgruß hatte sie von ihm gelernt, es war neben seinem Namen das einzige elbische Wort, das sie kannte. Sie hatte nie verstanden, warum er an manchen elbischen Bräuchen festgehalten oder deren Sprache weiterhin gesprochen hatte. Aber jetzt fühlte es sich für sie richtig an, ihn so zu verabschieden. Als sie zurück zu Snaghûl und Zhor trat, sah sie, dass auch deren Augen glänzten. Ihr selbst rannen einige Tränen über die Wangen. Nun hielt Snaghûl den brennenden Ast in den unteren Teil des Scheiterhaufens, der schnell aufloderte. Sie starrten in die hellen, züngelnden Flammen, durch die ihr Vater in die Dunkelheit zurückkehrte. *** Angrû blieb so lange an derselben Stelle stehen, bis nur noch Asche den Boden der Schlucht bedeckte und von einer kühlen Brise aus den Bergen in alle Winde zerstreut wurde. Sie nahm einen tiefen Atemzug. Wenigstens das hatte sie für ihn tun können. Dem Gemetzel auf der Lichtung hatte sie zugesehen, jedoch selbst nicht den Dolch erhoben. Weder, um auf Adar einzustechen, noch, um die anderen Uruks abzuhalten. Sie hatte nur dort gestanden und das Unvorstellbare mit angesehen. Allein hätte sie Adar nicht retten können. Und auch sie war enttäuscht und wütend gewesen, weil er seine Kinder in eine Schlacht gegen einen Feind geführt hatte, den sie alle noch nie gesehen hatten, statt in Mordor in Sicherheit zu bleiben. So viele Uruks waren vor Eregion elendig krepiert. Sie vermutete, dass Glûg nicht erst von Sauron hatte behext werden müssen, um zu tun, was er getan hatte. Er war schon lange nicht mehr mit Adars Entscheidungen einverstanden gewesen. Aber wie konnte er sicher sein, dass es ihm unter dem Befehl dieses Hexenmeisters besser ergehen würde? Glûg sollte schnell erkennen, dass er eine falsche Wahl getroffen hatte. Nur nützte es ihm nichts mehr. Als er Sauron die Meldung von der Rettung der Elben durch die Zwerge überbrachte und zum Rückzug riet, tötete Sauron ihn mit Adars Schwert. Eine bittere Ironie. Doch davon erfuhren Angrû, Snaghûl und Zhor nichts. Sie nahmen Adars Rüstungsteile mit, schlugen sich über Wochen hinweg nach Mordor durch und verbrachten dort in einem versteckten Winkel nahe des Orodruin einige Zeit. Als Sauron Mordor als sein Herrschaftsgebiet einnahm, flüchteten die drei weiter in den Osten und wurden nie wieder gesehen. ENDE Ich freue mich über jedweden Kommentar! Danke, dass du dir die Zeit genommen hast, meinen Text zu lesen! 1 Zitieren
Torshavn Geschrieben vor 2 Stunden Geschrieben vor 2 Stunden Eine berührende Geschichte. Hat mir gut gefallen. Vielleicht greifst du ja das Schicksal der drei Abtrünnigen freien Orks noch einmal auf. Ich würde mich freuen. Zitieren
Ithilwen Geschrieben vor 1 Stunde Autor Geschrieben vor 1 Stunde Danke, @Torshavn! Es freut mich, dass dir mein "Erstlingswerk" gefallen hat. Ja, wer weiß ... Ich habe mich für ein schnelles, aber offenes Ende entschieden, weil es bewusst eine ganz kurze Geschichte sein sollte. Und auch im Silmarillon hat Tolkien oft Leute einfach in die Fremde gehen lassen, von denen man nichts mehr erfuhr. Manchmal später dann aber doch. Zitieren
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