Ich finde den Gedanken mit Gandalf, der nur so viel Macht zeigt wie er muss und sich auch mit scheinbaren Kleinigkeiten behilft, einen ganz interessanten. Die Passagen sind mir so in der Form nie ins Auge gefallen, aber obwohl der Hobbit ein ganz anderes Buch ist als der Herr der Ringe und ich Tolkien nicht attestieren würde, diese Handlungen Gandalf aufgrund einer übergreifenden Vision zugeschrieben zu haben, fügen sie sich denkbar gut in mein Verständnis von Macht in Tolkiens Welt ein.
Macht wird im Herrn der Ringe im Gegensatz zum Hobbit anders und in vielen Fällen deutlich weniger subtil gehandhabt. Als Gandalf, Legolas, Gimli und Aragorn in die Halle Meduseld eintreten wollen und Háma sie anweist ihre Waffen abzulegen, lässt Aragorn das nicht auf sich sitzen, sagte er wisse nicht, warum der Wille Theodens über dem seinen stehen sollte und lässt letztlich Anduril nur unter eindeutiger Warnung vor der Tür stehen, dass niemand es anfasst und droht andernfalls demjenigen indirekt mit dem Tod. Hier wird Macht und Selbstanspruch sehr deutlich zur Schau gestellt, auch wenn besagte Macht rein menschlicher Natur sein mag und nicht gleichbedeutend mit der Macht Gandalfs ist. Dieser händigt Glamdring in der Szene ja ganz freundlich aus. Andere nichtmenschliche Akteure wie bspw. Glorfindel treten verhaltener mit ihrer Macht auf und er zeigt diese auch nur dann offen, als das an der Furt des Bruinen unbedingt notwendig ist. "[...] an Elf-lord revealed in his wrath", allerdings ist eine gewisse Aura dieser Macht ja auch dauerhaft spür- und sichtbar, sowohl bei ihm als auch bei Elrond.
Tolkien verwendet überall in seinen Werken zwei Wörter, die sich beide im Deutschen mit mächtig übersetzen lassen: mighty und powerful. Power ist Macht im Sinne von Kontrolle, Herrschaft und Anspruch und mighty weist eher eine Konnotation mit Fähigkeit und Ruhm auf, zumindest so wie ich es im Kopf habe. Mighty können im Grunde alle sein: Menschen wie Hurin, Turin und Tuor, Maia wie Sauron und Gandalf, Elben, Zwerge, nur fällt mir kein Hobbit ein, der je als mighty bezeichnet worden wäre. Power hingegen "[...] is an ominous and sinister word in all these tales, except as applied to the gods"
Die Frage hier scheint mir am ehesten in die Richtung zu gehen, wer am mächtigsten im Sinne von Power ist. Und bei der genannten Auswahl an Charakteren fällt es mir nicht schwer Sauron auf die 1 zu setzen. Seinem Herrschaftswillen und Machtanspruch kann sich keiner auch der Weisesten in Mittelerde widersetzen. Gandalfs Macht ist zwar göttlich positive Power, aber sie tritt sozusagen eher als Might auf. Er sucht keine Kontrolle, er ist ein Unterstützter, ein Koordinierer, ein Helfer und seine Stärke liegt darin, nicht darauf zu setzen, dass er der Stärkste oder Mächtigste ist. Tannenzapfen statt Fireball ist das, was Gandalf erst zu dem macht, der er ist und weshalb er am Ende auch erfolgreich ist. Auf Galadriel trifft meiner Einschätzung nach Vergleichbares zu, auch wenn sie als Noldor einen anderen Bezug zu Power hat als Gandalf. Inwiefern diese Dichotomie überhaupt auf Bombadil zutrifft weiß ich nicht. Er besitzt ohne Frage eine eigenartige und große Kraft aber welcher Art diese ist, weiß ja niemand so genau.
Ich glaube nicht, dass das Böse in Tolkiens Welt sich grundsätzlich selbst vernichtet. Es ist ein viel zu inhärenter Teil der Welt und erfordert viel zu viel Mühe und Not um es zu bezwingen, als dass man davon ausgehen könnte, dass alles Böse sich grundsätzlich selbst vernichtet oder auch nur grundsätzlich diese Möglichkeit offenbart. Denkt man an Melkor ist die ganze Situation ja genau umgekehrt. Das Böse ist im Grunde zu mächtig und siegt, weshalb von außerhalb eingegriffen werden muss. Es richtet sich nichts gegen sich selbst. Diesbezüglich finde ich die Position von Tom Shippey ganz interessant insbesondere wie sie von Curry in Defending Middle-Earth eingebunden wird. "While persistence offers no guarantees it gives "luck" a chance to operate, through unknown allies or unknown weaknesses in the opposition" Was wir als "Böses welches Böses bezwingt" interpretieren, lässt sich auch einfach als Glück deuten, dass nur deshalb zu Tage getreten ist, weil das Gute es mit viel Willen und Leidensfähigkeit bis zu einem Punkt gebracht hat, an dem ein glücklicher Umstand ihm in die Hände spielen kann. Da der Fehler oder die konkrete Ursache dieses Fehlers beim Bösen oder etwas Bösem bzw. Korrumpierten lag, liegt der Schluss nahe, es habe sich selbst zerstört aber das untergräbt ein wenig die Taten, die bis zu diesem Punkt geführt haben an dem das Böse versagen konnte.