Zur gleichen Zeit weiter südlich, zwischen den Ausläufern des Nebelgebirges und dem Düsterwald. Anariel saß hoch oben auf ihrem schwarzen Ross. Sie trug ihren langen Mantel, die Kapuze war über ihren Kopf gezogen und Ihr Gesicht war vermummt, sodass man lediglich ihre eisgrauen Augen sehen konnte. Kalte, starre Augen, die einen wie ein spitzer Pfeil durchdrangen. Ihr gegenüber stand eine Horde Orks mit gezückten Waffen. Leicht nervös schnaubte ihr Reittier, schabte mit den Vorderhufen und bewegte sich mit Unbehagen hin und her. Die Frau versuchte das Pferd mit Zügeln in der einen Hand und ihrer anderen Hand am Rücken des Tieres, zu beruhigen, aber das gelang ihr mehr schlecht als recht. Sie begriff nicht so richtig, warum es gerade vor diesen heruntergekommenen Kreaturen plötzlich solch eine Furcht hatte.
„Komm runter und ergib dich, oder wir essen deinen Gaul heute zum Abendessen…und danach dich!“, grunzte der Anführer, woraufhin die anderen Orks laut lachten und ihm zustimmten. „Menschenfleisch! Zart und mit…mhm…knuspriger Haut!“, sabberte der Ork und schüttelte dabei gierig wie ein hungriges Raubtier seinen Kopf. Er konnte sich kaum mehr zurückhalten.
„Und das macht ihr nicht, wenn ich mich ergebe? Was denn dann? Ladet ihr mich zum Tee ein?“, fragte Anariel sarkastisch. Darauf war der Ork augenscheinlich nicht vorbereitet und kratzte sich nachdenklich am Kopf. „Doch...äh...doch, dann auch! Aber dann wird dein Tod schnell und schmerzlos sein! Wenn du dich wehrst, dann würdest du dir wünschen, du wärst nie geboren!“, knurrte er und nickte mit dem Kopf, während seine Kumpanen einstimmten und ebenfalls nickten „Genau!“, pflichtete ihm ein anderer bei. Wiederum ein anderer leckte die dreckige Klinge seiner Waffe ab.
Die Frau verzog hinter ihrer Maske angewidert den Mundwinkel und stellte sich in Gedanken bereits vor, wie sie die Scheusale am liebsten nacheinander bei lebendigem Leibe häuten würde, sobald sie mit ihnen allen fertig war. Dies würde sich allerdings noch als schwere Aufgabe herausstellen, denn ihr gegenüber war ein gutes Dutzend an Orks und sie war allein! Sie war wahrlich eine geübte Kämpferin, aber nicht gegen solch einer Übermacht. Die Situation erforderte also Köpfchen und nicht Gewalt!
„Fein, ich ergebe mich!“, sagte sie und hob ihre rechte Hand in die Höhe, als ergäbe sie sich. Mit der linken hielt sie weiterhin die Zügel des Pferdes. Zuerst erfreut, dann enttäuscht, und am Ende verwirrt, sahen sich die Orks gegenseitig an. Damit hatten sie wohl nicht gerechnet. So sehr, dass sie gar nicht wussten, wie sie nun reagieren sollten. Zeit zum Überlegen hatten sie nicht, denn plötzlich krachte es laut und alle blickten erschrocken zur Seite, doch zum Reagieren war es bereits zu spät.