Stöhnend hob Alaric den Kopf , während sich langsam der Nebel in seinem Gehirn lichtete.
Er brauchte einige Momente, um zu realisieren, wo er sich befand:
Der Zwerg lag bäuchlings direkt neben einem Bach auf einer sandigen Stelle , die Stiefel ins flache Wasser ragend.
Ein kühler Wind pfiff durch die Zweige der Bäume, in denen ein paar Vögel zwitscherten, während graublaues Dämmerlicht langsam die Dunkelheit vertrieb.
Alaric war durstig wie nach einem langen Tag in einer staubigen Mine, setzte sich auf und streckte schon die Hände aus, um sich einen kühlen Trunk aus dem Bach zu schöpfen, doch er erstarrte mitten in der Bewegung.
Es war MORGEN! Bei Mahal, es sollte später Abend sein!
Er konnte doch unmöglich einfach eingeschlafen sein und die ganze Nacht hier gelegen haben? Dennoch war dies die einzig mögliche Erklärung. Er musste zurück zu den Anderen, Balin würde sicherlich gerade aufbrechen wollen und ungehalten sein, wenn sich ein Gefährte verspätete und die ganze Truppe auf hielt. Moria würde zwar morgen auch noch da sein, um zurück erobert zu werden, trotzdem wollte er nicht, dass alle auf ihn warten mussten.
Alaric richtete Axt und Schwert , nicht ohne sich zu fragen, wieso er eingeschlafen war, mit den Waffen am Gürtel, als wäre er sturzbetrunken in der Taverne vom Schemel gekippt. Irgendetwas war ganz gewaltig schief gelaufen, und den Zwerg beschlich ein ungutes Gefühl. Umso mehr, als er im heller werdenden Tageslicht weder einen geknickten Zweig, noch einen Fussabdruck oder sonst eine Spur fand, die ihm die Richtung an zeigte, aus der er letzte Nacht gekommen war. Die Fliessrichtung des doch ansehnlichen, durch die Schneeschmelze gespeisten Baches half ihm nicht weiter, im Dunkeln hatte er diese nicht sehen können. Genau so wenig war die Sonne gewillt , ihm die Richtung anzuzeigen, sie versteckte sich hinter grauen, rasch dahin ziehenden Wolken, während sie am Abend noch sanft auf ihr Lager am Waldrand herab geschienen hatte, bevor sie hinter dem mächtigen Nebelgebirge im Westen versank. Auch der kalte Wind war da noch nicht da gewesen, sondern ein Frühlingshauch wehte durch die weiten Grasebenen des Anduintals,
wo die ersten zarten gelben und weissen Spitzen der Frühlingsblumen zwischen den wenigen schon frisch grünen Grashalmen hervor lugten.
Alaric stapfte entlang des Baches durch das Unterholz und überlegte angestrengt, in welche Richtung er sich halten sollte. Nichts kam ihm bekannt vor.
Was allerdings nicht verwunderlich war, denn als er hier gestern entlang ging, brach gerade die Nacht herein. Und im Dunkeln sieht bekanntlich alles gleich aus!
Verdammte Axt, er hatte sich komplett verirrt! Wie war er nur auf die blödsinnige Idee gekommen, dem jungen Rehbock in den Wald zu folgen, den er entdeckt hatte, als er vor der Nachtruhe , einem dringenden Bedürfnis folgend, sich ins Gebüsch geschlagen hatte? In der Hoffnung auf einen guten Braten als Wegzehrung für sie alle war er dem Tier gefolgt in die zunehmende Dunkelheit, vertrauend auf die ausgezeichnete Nachtsicht aller seines Volkes, die auch in dunklen Stollen jedes Glitzern einer Erzader mühelos erkennen konnten.
Natürlich war das Reh weg, und überdies hatte er nicht die leiseste Ahnung, wo er war. Oder wo die Anderen waren. Der Wald wurde weder dichter noch lichter, die Sonne würde sich heute wohl auch nicht zeigen, und Alaric wusste nicht, ob er sich seinem Ziel näherte oder sich immer weiter davon entfernte. Er folgte den Bachlauf, mal kriechend durch hohes Gestrüpp und Brombeerranken, mal über dicke Moospolster und durch verdorrte Brennesseln, und dann verbreiterte sich der Bach zu einer sumpfigen Wiese.
Grummelnd zog Alaric den Stiefel mit einem schmatzenden Geräusch aus dem Schlamm und wandte sich seitwärts, um auf festeren Boden zu gelangen.
Der Waldboden war hier mit sattgrünem Moos und kurzem, dichtem, saftigem Gras bedeckt, und vor ihm erhoben sich drei schlanke Birken, an deren Fuß ein Teppich aus weissen und gelben Sternen in voller Blüte stand. Als hätte man Blumen aus weissem Jaspis und gelbem Topas geformt und händeweise verstreut.
Alaric wusste nicht, wie man die gelben Blumen nannte , die weissen hießen bei den Menschen wohl Anemonen, während Illumiel sie vor einigen Tagen Niphredil genannt hatte.
Und die gelben Sterne? Elandar? Elamir? Oder so ähnlich.. Während Alaric noch darüber nach dachte, erstarrte er: Es waren die gleichen Blumen, die sie gestern noch draussen am sonnenbeschienenen Waldrand gesehen hatten, noch geschlossen die Blütenköpfe. Während sie heute hier im Schatten des Düsterwaldes in voller Blüte standen.
Die Erkenntnis traf den Zwerg mit voller Wucht wie ein Hammer den Amboss!
Entsetzt starrte er auf die Blumen und hoffte wider alle Vernunft, dass es eine andere Erklärung geben müsste als die, die sich gewaltsam in sein Hirn drängte. Doch der extreme Temperatursturz, das völlig andere Wetter und das spriessende grüne Gras sprachen eine deutliche Sprache:
Es war keineswegs der nächste Morgen nach ihrem Aufbruch vom Rasthaus!
"Oh nein! Aule steh mir bei!" flüsterte Alaric und ließ sich verzweifelt ins Gras sinken. Den Kopf in den Händen vergraben, ließ der Zwerg den gestrigen Abend Revue passieren:
Balin hatte Halt befohlen, als die sinkende Sonne hinter der Bergkette im Westen verschwand, sie hatten das Lager aufgeschlagen und sich um die Pferde gekümmert.
Und dann war Alaric zufällig auf den Rehbock gestoßen und immer weiter in den Wald vorgedrungen. Obwohl er ausgezeichnet im Dunkeln sah, und eigentlich ein gutes Orientierungsvermögen hatte, hatte er sehr schnell die Richtung verloren. Es war, als benebele der Wald seine Sinne, täusche seine Augen und verwirre seinen Verstand. Irgendwann stob das Reh , von irgendetwas erschreckt, schnell davon, noch ehe Alaric eine Gelegenheit gehabt hatte, Axt oder Dolch nach ihm zu werden. Jetzt erinnerte sich der Zwerg auch, dass er da schon kaum mehr den Weg zurück wusste. Er hob den Kopf, über ihm stand glitzernd Durins Krone, so dass er den Nordstern finden und damit die ungefähre Richtung nach Westen fest stellen konnte.
In der Hoffnung, sich wieder zurück zum Waldrand schlagen zu können, stapfte er weiter und weiter, und verlor unter den dichten Bäumen wieder die Orientierung. Bis er das Rauschen eines Baches gehört, eine Böschung unsanft hinab gerutscht und klatschend im Wasser gelandet war. Das war das Letzte, an das Alaric sich erinnern konnte...
Als er an jenem Morgen erwachte, war aber auch keine Böschung zu sehen. Was nur den Schluss zu ließ, dass er ein Stück mit getrieben und auf dem seichten Sandstreifen an Land gespült worden war. Mahal sei Dank war er nicht ertrunken! Doch wieso war er beim Sturz in den Bach ohnmächtig geworden? War er auf einem Stein auf geschlagen?
Plötzlich fiel es ihm siedend heiss ein: Schon früher hatte er in Liedern über die verwunschenen Flüsse im Düsterwald gehört. Und Balin selbst hatte eines Abends am Lagerfeuer berichtet, wie die Gemeinschaft auf der Ereborquest den dicken Bombur tagelang durch den Wald getragen hatte, nachdem er in diesen verdammten Fluss gefallen und eingeschlafen war und niemand ihn wecken konnte.
So langsam dämmerte Alaric, was genau geschehen war. Offenbar hatte dieser Fluß einige Nebenarme, und in einen solchen war er bei der Jagd gefallen...und hatte scheinbar mehrere Tage in einem Zauberschlaf verbracht wie einst Bombur! Nur ohne Gefährten, die ihm helfen hätten können! Verdammte Axt! Wenn es wirklich so war, war Balin über alle Berge! Denn die anderen hatten nicht die geringste Ahnung gehabt, dass und wohin Alaric gegangen war! Wo also sollten sie ihn suchen?
Seine Lage erschien ihm immer aussichtsloser, zumal er nicht wusste, in welche Richtung er gehen musste, um zum Waldrand zu gelangen. Aule mochte wissen, wie weit ihn der Bach mit geschleift hatte! Und selbst wenn er den Waldrand erreichen würde, wären seine Gefährten ihm Tage voraus. Und sein Pferd war auch weg. Wie sollte er sie je einholen?
Niedergeschlagen saß Alaric auf der kleinen Lichtung und überlegte, was er nun tun sollte. Als etwas mit brachialer Gewalt und hoher Geschwindigkeit durch das Unterholz krachte...