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Tolkien & Rassismus


Caivallon

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vor 4 Stunden schrieb Eldanor:

die interessante Frage wäre da für mich eher, wie würde er mit dem Vorwurf umgehen, wenn er heute noch leben würde. Würde er versuchen, sich zu rechtfertigen, oder daraus lernen? Denn das ist IMHO das Wichtigere – die Erfahrung Betroffener hören und ernstnehmen und das eigene Verhalten daraus anpassen. Tolkien kann das natürlich nicht mehr, aber wir können natürlich für uns Lehren daraus ziehen, wenn wir darauf hingewiesen werden :-)

LG

Elda

 

Das ist eine zutiefst humane Haltung, Elda, die Du hier äußerst, und damit wäre uns heute sehr gedient, um dem derzeit weltweit wachsenden Rassismus zu begegnen. Wir stehen vor einer Vermischung aller Völker, und davor haben allzuviele Panik.

Allerdings sprechen wir hier nun von einem schon verstorbenen Künstler. Und dazu muss die Forschung der künstlerischen Literatur Stellung beziehen. 

Wir haben das Problem auch bei Thomas Mann und Richard Wagner. Beide leben nicht mehr, beide haben rassistische Werke oder Äußerungen hinterlassen. 

Thomas Mann lebte lange genug, um noch selber bereuen zu können. Er war wohl auch kein aktiver Faschist, während es bei Richard Wagner wohl - ich habe selber noch nicht die Kraft gehabt, seine antisemitischen Texte zu lesen - anders aussah. Er hat Hitler in Bayreuth herzlich begrüßt. 

Bei Wagner unterscheidet man zwischen Werk und Leben: seine Opern weisen, auch meinem Verstehen nach, nirgendwo Rassismus auf. 

Darum kann man weiterhin in Bayreuth und überall auf der Welt Wagners Opern aufführen. 

Die Literaturhistoriker untersuchen nach wie vor sämtliche schon verstorbene Autoren, und bei denen kann man nicht sagen: was ihr da vom Stapel gelassen habt, würdet ihr heute nicht mehr sagen, darum tadeln wir es nicht.

Wie ich schon irgendwo anders mal im Forum schrieb:

man hat einen Text eines (deutschen) Autors der literarischen Romantik aufgespürt, aus dem deutlich Judenhass sprach.  Da das einer meiner Lieblingsautoren war, bin ich nicht nur vom Stuhl gefallen, sondern habe seinen Namen schlagartig verdrängt, so dass ich nicht mehr weiß, wer es war...

 

Wie aber soll man sich beim Verfassen der Literaturgeschichte verhalten? Ihn entschuldigen?

Ich denke, auch in seiner Zeit - irgendwann nach 1800 - war Rassenhass eine inakzeptable Eigenschaft in den Augen human gesonnener Menschen. Den humanen Gedanken gibt es im Prinzip schon seit der Antike. Und wer Schriftsteller ist - also gründlich über die Zeitverhältnisse nachdenkt und dadurch auch über seine eigene Haltung dazu -  lebt und denkt bewusst; dem unterlaufen nicht einfach so 'Alltagsrassismen', die er, bei Licht gesehen, sofort wieder zurücknehmen würde. 

Wer sich öffentlich äußert, möglicherweise im aktuellen Kulturleben eine wichtige Funktion hat, hat auch Vorbildcharakter und großen Einfluss. 

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vor 1 Stunde schrieb Alsa:

dem unterlaufen nicht einfach so 'Alltagsrassismen', die er, bei Licht gesehen, sofort wieder zurücknehmen würde. 

Da muss ich dir widersprechen. Das ist gerade der Kern des Alltagsrassismus, dass er eben bei jedem Menschen jederzeit auftreten kann. Das erfordert dauerndes Selbsthinterfragen, und selbst darin sind wir Menschen nicht unfehlbar. Aber das führt jetzt etwas vom Thema weg ;-)

Im Bezug auf Tolkien hast du natürlich recht – der Autor lebt nicht mehr, wir können über seine Haltung nur Annahmen machen.

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vor 18 Minuten schrieb Eldanor:

Da muss ich dir widersprechen. Das ist gerade der Kern des Alltagsrassismus, dass er eben bei jedem Menschen jederzeit auftreten kann. Das erfordert dauerndes Selbsthinterfragen, und selbst darin sind wir Menschen nicht unfehlbar.

 

Du schreibst ja selber: dass er auftreten kann. Aber nicht muss.

Insofern ist das kein Widerspruch zu dem, was ich geschrieben habe.

Falls man mit einer Definition, was Alltagsrassismus sei, gleichzeitig behaupten will, dass das bei jedem Menschen auftreten muss, wäre das bereits eine ideologische Aussage.

Ich mag das Wort "Alltagsrassismus" aus diesem Grund auch nicht, wie ich gerade feststelle. Es wirkt letztlich auf mich tendenziös. 

Eben, weil man eventuell nur, weil das Wort existiert, ein Pauschalurteil über alle Menschen fällt. Und es gibt mit Sicherheit jede Menge von Menschen, die in ihrem Alltag niemals auch nur irgendeine Form von Rassismus verspürt haben. Dergleichen ist nicht an das Menschsein gebunden. 

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Nur ganz kurz, bevor nachher (hoffentlich) mehr Zeit zum Antworten ist: von Richard Wagner gibt es eine Reihe deutlich antisemitischer Texte, aber man kann ihm immerhin nicht vorwerfen dass er Hitler in Bayreuth herzlich begrüßt habe. Das wäre auch ein bisschen schwierig gewesen, denn Richard Wagner ist 1883 gestorben. Diejenige die Hitler in Bayreuth herzlich begrüßt hat war Wagners Schwiegertochter Winifred Wagner. - Weitere Antwort folgt später.

  • Danke 1
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Gern geschehen. Und Wagners Todesjahr musste ich auch erst nachsehen.

Ich habe den Eindruck dass wir hier im Moment ein bisschen Durcheinander bei den Begriffen haben. Und das ist ja auch kein Wunder, denn gerade innerhalb des letzten Jahres hat sich ja im Hinblick auf die Beurteilung von Rassismus doch sehr viel Neues entwickelt, vor allem im Zusammenhang mit Black Lives Matter. Und was sich da begonnen hat zu ändern, das ist weniger der aggressive, mit Hass und Ablehnung verbundene Rassismus. Dieser Rassenhass, der dann im Antisemitismus der Nazis mit all seinen Folgen gipfelt, ist und war ja doch schon sehr lange für die allermeisten Leute vollkommen inakzeptabel, glücklicherweise.

Was sich derzeit ändert hat mehr mit dem zu tun was hier als Alltagsrassismus bezeichnet wurde, also mit einer vergleichsweise "harmlosen" Sache, die oft nicht einmal böse gemeint ist, sondern bei der man einfach Vorurteile als gegeben hinnimmt : dieses oder jenes Volk ist eben nun mal so und so. "Das ist mal wieder typisch deutsch" gehört durchaus auch in diese Kategorie. In den letzten Monaten sind plötzlich Dinge schwierig geworden  die man, zur Mehrheit gehörend, vorher gar nicht als Problem wahrgenommen hat. Plötzlich stört man sich an weißen Schauspielern in der Rolle von Schwarzen, plötzlich begreift man dass "Indianer"-Kostüme zu Fastnacht beleidigend sein können.

Das Problem ist wirklich dass jemand der noch nie selbst Diskriminierung (aus welchem Grund auch immer) erlebt hat wirklich erst lernen muss wie sein Verhalten überhaupt auf Betroffene wirkt. In diesem Zusammenhang fand ich das Video das Eldanor verlinkt hat (Experiment: Wie rassistisch bist du?) ganz hervorragend, ich hatte es auch kürzlich bei Youtube entdeckt.

Das war jetzt OT, genaugenommen. Wir leben heute in einer Zeit, in der sich in dieser Hinsicht sehr viel bewegt und in der es sehr viele neue Entwicklungen gibt. Für uns sieht das ganze Thema also sehr viel anders aus als für Tolkien der seit bald fünfzig Jahren tot ist. Dass er mit diesen Fragen anders umgegangen ist, das ist eine ganz natürliche Sache. Als aggressiven Rassisten kann ich mir Tolkien als Person beim besten Willen nicht vorstellen. Dass er allerdings den eher "harmlosen" Alltagsrassismus als solchen oft nicht gesehen hat, das wäre zu seiner Zeit vorstellbar.

 

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vor 11 Stunden schrieb gathame:

Was sich derzeit ändert hat mehr mit dem zu tun was hier als Alltagsrassismus bezeichnet wurde, also mit einer vergleichsweise "harmlosen" Sache, die oft nicht einmal böse gemeint ist, sondern bei der man einfach Vorurteile als gegeben hinnimmt : dieses oder jenes Volk ist eben nun mal so und so. "Das ist mal wieder typisch deutsch" gehört durchaus auch in diese Kategorie. In den letzten Monaten sind plötzlich Dinge schwierig geworden  die man, zur Mehrheit gehörend, vorher gar nicht als Problem wahrgenommen hat.

 

Tatsächlich nehme ich die Jetztzeit gänzlich anders wahr als Du. 

Was Du schreibst, kenne ich aus der Zeit vor vielleicht 30 Jahren.

In den letzten Monaten, vielleicht schon in den letzten 2 Jahren, ist eine neue Bissigkeit, eine ganz neue Qualität an Hass für mich erkennbar, die mich wirklich erschaudern lässt.

Ich schreibe in einem politischen Forum mit, wo dieser Hass jeden Tag formuliert wird, obwohl das Forum moderiert ist und sehr vieles an Beiträgen nicht durchkommt. 

Diese Form des Rassismus ist für mich völlig neu, ist in den letzten paar Jahren steil angestiegen.

Das ist überhaupt kein "Alltagsrassismus", nach meiner Wahrnehmung, sondern ein neu aufgepeitschter. Und dieser ist sehr böse gemeint; man kann den Formulierungen die Gewaltbereitschaft regelrecht ansehen. Dass man Asylanten lieber absaufen lassen will als sie ins Land lassen, wird unverhohlen immer wieder indirekt formuliert. 

In einer ähnlichen Zeit lebte Tolkien; freilich weiß ich nicht, wie der Beginn des 1. Weltkrieges und auch die Nazizeit in England aussah - aber nach den Romanentwürfen Tolkiens zu urteilen, ebenso nach den Gesprächen mit seinen damaligen Freunden stand da auch eine Menge an Gefühlslagen auf Messers Schneide. 

Ich bin gerade heute auf ein Briefzitat von Tolkien gestoßen, wo ihm von einem deutschen Verlag abverlangt worden war, einen Arier-Nachweis abzuliefern , damit eine Übersetzung durchkommt - wenn ich das richtig erinnere.

Und Tolkien hat daraufhin getobt, Hitler niedergemacht und sich bekannt dazu, dass er stolz auf das jüdische Volk und dessen Begabung sei. Allerdings hat er trotzdem erwähnt, dass er den Ariernachweis liefern könne.

Das von mir oben erwähnte "das ist typisch deutsch" ist meist so gemeint, dass "die" Deutschen einmal behauptet haben: "Am deutschen Wesen soll die Welt genesen". Und jetzt seien sie schon wieder so, weil sie die Einhaltung des Menschenrechtes von  anderen Nationen einfordern. Dabei sei es in anderen Nationen halt ganz normal, dass man Menschenrechte missachtet. 

"Der Deutsche" also solle akzeptieren, dass Menschen jenseits der deutschen Grenzen gefoltert werden z.B., das ginge ihn nichts an, denn die wollen das ja so.

Wie in Orwells "1984" werden Begriffe in ihr Gegenteil verkehrt: wer das Menschenrecht in der ganzen Welt einfordere, sei ein hässlicher Deutscher, der wie in der Nazizeit sein eigenes Wesen in die ganze Welt verbreiten wolle.

Diese Begriffsverfälschung lese ich Tag für Tag in besagtem Forum, und sie wird systematisch betrieben. Tolkien, der in der Nazizeit gelebt hat, wird damit auch  konfrontiert worden sein.

Und ob er davon teilweise angesteckt worden ist, das u.a. ist ja die Frage dieses Threads. In Tolkiens Werk ist Melkor der Verfälscher von Begriffen schlechthin. Darum denke ich, dass Tolkien dieses Verbrechen an Sprache - Sinnverfälschung - als Hauptübel in seinen Werken gegeißelt hat.  

Und nie hätte ich gedacht, dass ich es noch einmal erleben werde, dass bei uns genau diese Melkor-Verfälschung wiedergeboren wird. 

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gathame

Nein, du nimmst die Jetztzeit durchaus nicht vollkommen anders wahr als ich, meinem Eindruck nach. Ich habe da bloß, aus dem gegebene Zusammenhang heraus, über eine einzelne Entwicklung geschrieben die es eben durchaus auch gibt, nämlich die schon bei etlichen Leuten merkliche Sensibilisierung dafür wie die "alltägliche" Diskriminierung (aus rassistischen Gründen zum Beispiel) funktioniert. Wenn sich das so angehört hat als ob ich im Moment dein Eindruck einer generell besser werdenden Welt hätte, dann war das ganz sicher nicht so gemeint.

Denn das, was du da beschreibst, ist ja nun mal sehr real und nimmt wirklich immer extremere Formen an: zunehmend deutlich geäußerter Hass in politischen Diskussionen, mittlerweile nicht mehr nur im Internet sondern auch in der Realität. Die Hemmungslosigkeit mit der da Andersdenkende beleidigt werden und mit der man ihnen oft auch sehr unerfreuliche Tode wünscht kann schon erschreckend wirken. Angefangen hat es mit Äußerungen dieser Art soweit ich sehe tatsächlich im Internet mit seiner relativen Anonymität, da haben dann schon Leute Sachen geäußert die sie zuerst sicher niemandem ins Gesicht gesagt hätten. Und dadurch ist da wirklich eine Hemmschwelle verschwunden. Die Aggressivität war natürlich immer da, in gewisser Weise, die fällt ja jetzt nicht plötzlich vom Himmel, aber es gab eben doch gewisse Vorstellungen darüber was man äußern darf und in welcher Form. Und das verschwindet einfach mehr und mehr. Das Phänomen Donald Trump und die geradezu religiöse Verehrung die er bei seinen zahlreichen Anhängern genießt sind ein bedenkliches Beispiel dafür.

Das alles führt natürlich zu einer Verrohung der Sprache, gerade in vielen Internetdiskussionen kann man das gut verfolgen. Und diese Verrohung ist ansteckend, bis zu einem gewissen Grad. Insbesondere dann wenn man das alles nicht irgendwie "von außen" betrachtet sondern mittendrin in einer problematischen Situation ist. Und das sind wir alle im Moment, die Coronakrise setzt alle unter Stress, mehr oder weniger. - Um zurück zum Thema dieses Threads zu kommen: in extremen Situationen  ändert sich die Sprache der Menschen, das hat man gerade im Laufe des letzten Jahres sehr gut verfolgen können. Und dass Äußerungen Tolkiens, die in Extremsituationen (Weltkriege und deren Umfeld)  gemacht wurden, eben auch durch solche Situationen beeinflusst sein können, ist mehr als naheliegend.

 

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