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Nelkhart

Bücher, die Tolkien gelesen haben könnte.

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Nelkhart

Liebe Tolkien-Freunde, meine sehr verehrten Hochnerds,
haben wir noch ein Zimmerchen frei unterm digitalen Bühl? Ich denke schon.

 

Selbstverständlich habe ich die ehrwürdigen Hallen der Drittschöpfung abgesucht, bevor ich mir diese bescheidene Klause für mein Thema ausgesucht habe. Aber ich fand nichts passendes.

Ich möchte hier Bücher sammeln und diskutieren, die Tolkien gekannt oder ihn sogar inspiriert haben könnten.

Dabei wäre es schön, wenn wir uns stillschweigend auf ein gewisses Niveau der Originalität einigen könnten. Natürlich kannte Tolkien die Bibel. Aus seiner Biographie wissen wir, daß er den Beowulf, die finnische Kalevala, die Edden und diverse englische Märchenautoren verschlungen hat.
Und auch wenn er ihn gehaßt haben mag, gelesen hat der Professor Shakespeare auf jeden Fall. Sonst wäre der wandelnde Wald von Birnam nicht als Marsch der Ents und Macduffs Kaiserschnitt nicht als Vorlage für Glorfindels Prophezeiung in sein Werk eingeflossen.

 

Hier in dieser sandfarbenen Kammer wollen wir uns treffen, wenn wir bei der Lektüre historischer Literatur über Textstellen stolpern, die uns an Motive aus Tolkiens Büchern erinnern.

Ich bin gespannt, was Ihr findet.

bearbeitet von Nelkhart
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Nelkhart

Erst diesen Sommer traf ich auf so etwas wie einen Ainu bei einem ungarischen Dichter.

In Mihály Babits Novelle „Der Engel“ (in „Der Schatten des Turmes“) von 1918 schleppt sich ein inkarnierter Engel Azáziël durch ein urzeitliches Gelände zur Behausung seiner heldenhaften Söhne, die er mit der „Tochter des Menschen“ gezeugt hat.

Wir erfahren, wie der Engel von der Schönheit der Erde und ganz besonders der Frauën verführt wurde und seine seelische Existenz gegen eine physische eintauschte. Babits schildert die körperlichen Leiden des Himmelswesens, läßt ihn sich aber auch zurückerinnern:
„Er dachte daran, mit welcher Wonne er sich dereinst in diesen schlechten Körper gekleidet hatte.“
Dies erinnert uns an die Ainur Tolkiens, die aus Liebe zu Arda ins Königreich kamen und deren physische Gestaltannahme auch als „Kleidung“ beschrieben wird.

Doch nachdem Azáziël die Wonnen der leiblichen Existenz lange Zeit ausgekostet hat, bedauërt er nun seine Inkarnation bitter:

Er haßte diesen ungeschickten, schmutzigen Körper, den er sich angelegt hatte und von dem er sich jetzt nicht mehr befreien konnte.“
Hier lesen wir das Schicksal Melkors (und später Saurons) heraus, der sich moralisch verwerflich und zu leidenschaftlich in die Gefilde Ardas verstrickte und schließlich zum Gefangenen seines Körpers wurde.

Zufall? Vielleicht. Zeitlich paßt es aber. 1918 bastelte Tolkien in diversen Lazaretten am Legendarium.

Während der Engel mit seinem eigenen Schicksal hadert, legt er alle seine zivilisatorischen Hoffnungen auf seine beiden überirdischen Söhne. Doch als er ihren Wohnort schließlich erreicht, muß er feststellen, daß sie ihre göttliche Kreativität nutzen, um sich gegenseitig zu vernichten.

Und dann dachte ich, ich fall vom Stuhl:
Einer der beiden diabolischen Söhne heißt Nákhor.

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Roncalon

Großartige Idee, bei der ich leider (noch) nicht mithalten kann.

Am 4.11.2017 um 17:55 schrieb Nelkhart:

Und dann dachte ich, ich fall vom Stuhl:
Einer der beiden diabolischen Söhne heißt Nákhor.

Mich würde nur interessieren was dich an dem Namen so überrascht hat. Ist es die vage Ähnlichkeit zu Melkor?

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nerd
Am 4.11.2017 um 17:55 schrieb Nelkhart:

Erst diesen Sommer traf ich auf so etwas wie einen Ainu bei einem ungarischen Dichter.

In Mihály Babits Novelle „Der Engel“ (in „Der Schatten des Turmes“) von 1918 schleppt sich ein inkarnierter Engel Azáziël durch ein urzeitliches Gelände zur Behausung seiner heldenhaften Söhne, die er mit der „Tochter des Menschen“ gezeugt hat.

 

Das Thema ist ursprünglich aus der Bibel.   Auch dort gibt es gefallene Engel, die Kinder mit Menschentöchtern gezeugt haben.

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Nelkhart

Das ist korrekt. Daß Babits hier auf die biblischen Nephilim anspielt, dürfte offensichtlich sein.

"Als aber die Menschen sich zu mehren begannen auf Erden und ihnen Töchter geboren wurden, da sahen die Gottessöhne, wie schön die Töchter der Menschen waren, und nahmen sich zu Frauen, welche sie wollten. Da sprach der HERR: Mein Geist soll nicht immerdar im Menschen walten, denn auch der Mensch ist Fleisch. Ich will ihm als Lebenszeit geben hundertundzwanzig Jahre. Zu der Zeit und auch später noch, als die Gottessöhne zu den Töchtern der Menschen eingingen und sie ihnen Kinder gebaren, wurden daraus die Riesen auf Erden. Das sind die Helden der Vorzeit, die hochberühmten." (1.Mose 6,1-4)

 

In seiner Ainur-Hierarchie verglich Tolkien die Valar gerne mit Engeln. Diese Bezeichnung scheint ihm immer die passendere gewesen zu sein, auch wenn es ihm gefiel, die Herren Valinors als Äquivalent zu den irdischen „Göttern“, quasi als gewolltes Mißverständnis ins Legendarium einzuführen.
Möglicher Weise haben sich hier Tolkien und Babits parallel an derselben Quelle bedient. Die Bibelfestigkeit des Professors ist ja kein Geheimnis. Allerdings finden wir die Metaphorik der körperlichen Gestalt als „Kleidung“ nicht in der Genesis. Das scheint Babits Erfindung zu sein.

Nun fragt man sich natürlich, wie die Geschichte des ungarischen Intellektuëllen im ersten Weltkrieg zu Tolkien in die britischen Schützengräben an der Somme gelangt sein soll. Jede Hypothese hierzu wäre reine Spekulation, aber ließe sich eine glaubwürdige Verbindung belegen, könnte das für die Literaturgeschichte durchaus von Interesse sein.

Ob nun historische Kuriosität oder reiner Zufall: Die Parallelen im Konzept beider Schriftsteller sind ziemlich verblüffend.

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