Ich habe dann auch mal wieder seit Langem etwas geschrieben: Eine Episoden-Kurzgeschichte, die nichts mit Fantasy zu tun hat.
Charakterisierung eines Unbekannten
Die Frau
Sie ging zum Fenster und sah noch einmal hinaus. Ihr Mann war immer noch nicht zu sehen. Dabei hatte er versprochen, heute pünktlich zu sein. Er hatte in letzter Zeit so viel zu tun. Der Jahresabschluss sei bald fällig, hatte er gesagt. Für sie bedeutete das viel Zeit allein zu Hause.
Sie war einsam.
Damals, als sie sich kennengelernt hatten, hatte sie noch geglaubt, die Liebe sei unendlich. Doch in letzter Zeit wurde sie von ihm immer stärker vernachlässigt. Eigentlich hatte sein Desinteresse bereits begonnen, als der Arzt ihnen in sachlichem Ton bestätigt hatte, dass sie unfruchtbar sei. Der Traum ihres Mannes, irgendwann einen Sohn zu haben, war in diesem Moment geplatzt.
Es war auch ihr Traum gewesen.
Danach hatte sich ihr Mann immer stärker auf seine Arbeit konzentriert, war auf der Karriereleiter auf seine Wunschposition aufgestiegen, und dann noch weiter, immer weiter. Jetzt war er Geschäftsführer im Controlling. Sie wusste nicht, was genau er da machte, doch es schien eine wichtige Position zu sein. Manchmal war er 70 Stunden in der Woche in »seinem Unternehmen«, wie er es nannte.
Sie selbst war immer Hausfrau geblieben. Das hatte für ihn von Anfang an festgestanden. Sie kümmerte sich darum, dass im Haus alles seine Ordnung hatte. Heute hatte sie für ihren Mann dessen Lieblingsessen gekocht. Zwei Stunden hatte sie dafür in der Küche gestanden. Und nun war er nicht da.
Langsam ging sie ins Esszimmer. Die Tischdecke strahlte in reinstem Weiß, das Silberbesteck lag exakt platziert neben den Tellern. Sie nahm ein Tablett und stellte das Geschirr und das Besteck darauf ab. Dann ging sie mit dem Tablett in die Küche. Geistesabwesend ließ sie das Wasser laufen, während sie Teller für Teller, Messer für Messer abwusch. Schon wieder war er nicht gekommen.
Sie überlegte, ob er vielleicht eine Geliebte habe. Es war nicht das erste Mal, dass sie darüber nachdachte. Wie jedes Mal kam sie zu dem Schluss, dass ihr Mann zu ehrlich und treu für eine Geliebte sei.
Sie trocknete Geschirr und Besteck mit einem frisch gewaschenen Geschirrtuch ab. Ordentlich gestapelt stellte sie alles zurück in die Küchenschränke. Sie war eine gute Hausfrau.
Die Geliebte
Seit inzwischen einem Jahr trafen sie sich beinahe täglich. Jeden Abend kam er direkt nach der Arbeit zu ihr. Manchmal stattete er ihr sogar in seiner Mittagspause einen Überraschungsbesuch ab. Mit seiner Frau schien nicht mehr allzu viel zu laufen. Er erzählte nicht viel von ihr und sie wollte es auch gar nicht wissen. Er hatte ihr auch nie gesagt, wo er arbeitete. Doch bei den Geschenken, die er ihr ständig mitbrachte, musste er ganz gut verdienen. Er erinnerte sie irgendwie an diesen Typen aus Goodfellas. Vielleicht war er ja auch bei der Mafia.
Heute war er natürlich wieder da gewesen. Er wollte eigentlich nur eine Stunde bleiben. Seine Frau warte auf ihn und solle keinen Verdacht schöpfen. Aber am Ende waren aus der einen Stunde doch vier geworden. Sie wusste, dass er seine Frau mit irgendeiner Ausrede überzeugen würde.
Nach einem Jahr kommt es in allen Beziehungen zu einem Bruch, heißt es. Sie war sich sicher, dass das nur für Liebesbeziehungen galt. Liebe gab es zwischen ihr und ihm jedoch nicht. Sicherlich würde die Affäre noch lange anhalten. Sie würde nur ungern auf all die Geschenke verzichten. Durch ihn brauchte sie nicht mehr zu arbeiten, war vollkommen unabhängig.
Vor zwei Monaten hatte sie aufgehört die Pille zu nehmen. Er hatte ihr ja gesagt, dass er und seine Frau keine Kinder kriegen könnten. Seit einer Weile fühlte sie sich allerdings ein wenig seltsam. Sie hoffte, dass beides nicht miteinander zu tun habe.
Der gute Freund
»Eben hat er hier angerufen. Seine Affäre ist schwanger, hat anscheinend aufgehört, die Pille zu nehmen.
Er hat aber auch nur Pech mit Frauen. Die, mit der er verheiratet ist, nervt ja auch nur noch. Was er mir da so erzählt hat: Die überwacht ihn richtig, verfolgt jeden seiner Schritte. Unglaublich, dass er seine Affäre da geheimhalten kann. Aber er war ja schon immer ein schlauer Kerl. Sonst hätte er es in seinem Unternehmen auch nie so weit gebracht. Geschäftsführer – das ist schon nicht schlecht.
Aus der Sache mit der Schwangerschaft kommt er auch wieder raus, gibt schließlich Abtreibungen. Er hat mir gesagt, dass er kein Problem damit hätte. Ich würd's an seiner Stelle genauso machen. Sich durch eine Affäre das Leben versauen lassen? Nie im Leben! Auf ihn war eben schon immer Verlass.
Wir kennen uns noch aus der Schule, waren in derselben Klasse. Schon da war er höllisch intelligent und ehrgeizig. Beides hat sich mit der Zeit noch weiter gesteigert. Ich hätte damals nicht gedacht, dass das überhaupt möglich ist. Und wer was erreichen will, der muss eben über Leichen gehen. Das ist nun mal so. Die Affäre war nötig und die Abtreibung wird auch nötig sein.
Jeder macht mal Fehler. Er ist ein guter Kerl.«
Die Angestellte
Schon wieder Überstunden. Der Chef kotzte sie langsam einfach nur noch an. Wenn er selbst auch länger bleiben würde, wäre das ja in Ordnung. Doch er machte jeden Tag pünktlich Feierabend. Seine Frau warte auf ihn, hatte er gesagt. Inzwischen hatte sie jedoch herausgefunden, was der eigentliche Grund war: Der Chef hatte eine Affäre. Das hatte sie mitbekommen, als er mal wieder mit seinem besten Freund telefoniert hatte. Sie mochte die Frau des Chefs nicht, die war ihr zu unterwürfig. Sie hätte sich schon längst von ihm getrennt, wenn sie mit ihm verheiratet wäre. Deswegen hatte sie ihr nichts von dem Verhältnis erzählt. Doch inzwischen delegierte der Chef so gut wie alles, nur um etwas länger »Mittagspause« machen zu können. Ein sexbesessener Egoist, nichts anderes war er mehr.
Sie beschloss, etwas zu unternehmen. Seine Frau musste von der Affäre erfahren.
Der Journalist
Eben war eine Frau bei ihm gewesen und hatte ihm etwas Interessantes über einen Manager erzählt – etwas, das nicht nur für den Wirtschaftsteil der Zeitung geeignet war. Manager waren zur Zeit generell ein gutes Opfer. Manager in Verbindung mit fehlender Moral sorgten unter Garantie für eine hohe Auflage.
Die Überschrift auf dem Titelblatt sah er bereits vor sich: »Manager geht fremd!«
Zwei Männer im Zug
»Guten Morgen!«
»Moin. So früh schon auf?«
»Ja, muss zum Arzt. Scheint mal wieder irgendwas mit meinem Knie nicht zu stimmen.«
»Ach, du Armer. Dann mal gute Besserung!«
»Danke… Hast Du das mit diesem Manager gehört?«
»Der mit der Geliebten?«
»Ja, genau. Unglaublich. Die arme Frau.«
»Na ja, vielleicht ist die Frau ja auch mit dran Schuld.«
»Was? So was kannst Du doch nicht einfach so sagen. Du kennst die Frau doch gar nicht.«
»Ja, hast Recht.«
»So ein Mistkerl. Ich frag mich, wie solche Leute so 'ne hohe Stelle kriegen können.«
»Treue hat ja nicht unbedingt was mit der Arbeit zu tun.«
»Aber wer stellt denn so ein Arschloch überhaupt ein? Wenn ich Chef wäre, würde so ein Kerl nicht mal die unterste Stelle in der Firma kriegen.«
»Vielleicht hat der sich ja irgendwie anders verdient gemacht.«
»Jetzt verteidige den Kerl nicht auch noch. Der hat 'nen Fehler gemacht und sollte auf jeden Fall entlassen werden. Aber solche Leute bleiben ja immer ganz oben dabei.«
»Wahrscheinlich gehört so ein Charakter einfach mit dazu, wenn man so weit hoch will.«
»Hm… Wenn ich mir meinen Chef so angucke, könntest Du da Recht haben. Aber kann doch echt nicht sein: Wir wären doch bei so was sofort rausgeflogen.«
»Ja, der Typ ist einfach reich und einflussreich. Die Welt ist halt ungerecht.«
»Wem sagst Du das …«
Seite 1 von 1
Kurzgeschichte: Charakterisierung eines Unbekannten
Thema verteilen:
Seite 1 von 1
Hilfe











