Hallo!
Ich würde mich gerne, wenn ich darf, in die Diskussion einklinken.
Ich habe diesen Thread - den über das zweite Kapitel noch nicht - jetzt halbwegs gründlich gelesen und würde gerne vier Sachen noch hinzufügen. Teilweise wurden sie vielleicht implizit schon gesagt, eventuell irgendwo auch explizit, aber trotzdem:
1.
Man sollte vielleicht extra noch mal betonen, dass das Haus, in dem Oswin Errol und sein Sohn Alboin sich in diesem Kapitel aufhalten, in Cornwall, direkt an der Küste, steht. Der Junge ist nur im Sommer da, er geht irgendwo anders zur Schule, kommt nur in den Ferien. Er scheint nicht besonders gut in der Schule zu sein, jedenfalls nicht im Lateinischen. Darum macht sich der Vater wohl auch Sorgen, wenn sein Sohn sich zuviel mit Phantasiesprachen beschäftigt und das Schulziel verfehlt.
Der Vater selber hat spät geheiratet, sodass der Altersunterschied zwischen den beiden sehr groß ist. Die Mutter lebt nicht mehr. Der Vater ist Historiker, war Lehrer, ist aber nun pensioniert und hat nur eine kleine Rente. Und er ist, wie öfter gesagt wird, müde, insgesamt. Der Sohn aber liebt ihn gerade, weil er so alt ist, fast zärtlich und will ihn noch lange bei sich haben. Aber er weiß, dass dies nicht gehen wird, und das überschattet meines Erachtens alles von Anbeginn. Der Junge hätte es am liebsten, wenn man aufhören könnte, alt zu werden.
Meines Erachtens klingt schon hier das "Numenor-Thema" an: das Prbolem des Sterben-Müssens. Und es wird an einem Jungen demonstriert, der seinen alten Vater lieb hat und ihn nicht verlieren möchte - also kein Hochmut-Thema, sondern ein menschlich-anrührendes und nachvollziehbares Problem.
Ach ja, und der Vater schreibt an einem Buch über Cornwall.
Die beiden sind recht unterschiedlich, dazu in Punkt 2 ->
2.
Torshavn sagte am 19.Mar 2009, 00:35:
Ich bin mir mittlerweile sicher (nach mehrmaligem Lesen), das ich die Textstelle falsch verstanden habe: "...except within the limits prescribed to us mortals..." Er spricht zwar hier von den Grenzen, die den Sterblichen auferlegt sind, innerhalb der sie die Vergangenheit erkunden können. Aber er schildert gleich danach auch die Mittel, die den Menschen zur Verfügung stehen: Archäologie und Philologie (S.40 unten). Ich habe einfach gedacht, er wüßte, wie man diese Grenzen erweitern kann.
Ich denke, dass man sich hier klarmachen muss, dass der Vater seinen Sohn nicht wirklich verstehen kann. Darum schämt sich der Junge auch so, wegen seiner akustischen Visionen. Der Vater hat die Notizaufzeichnungen von Alboin zufällig gefunden - der Junge hat sie echt im Arbeitszimmer des Vaters aus Versehen liegen gelassen !? - und ihn dann daraufhin angesprochen. Alboin hat aber das Bedürfnis, dieses Geheimnis mit seinem Vater zu teilen.
Das von Dir erwähnte Zitat, Torshavn, zeigt, dass der Vater anders denkt als Alboin. Für den Vater ist die lateinische und griechische "Denke" entscheidend. Der Vater unterscheidet "conscious" und "heart". Der Sohn folgt - nach Auffassung des Vaters - zu sehr dem Herzen, er sollte aber lieber bewusster und lateinisch-griechischer denken lernen..
Und der Junge bemüht sich auch, drängt seine akustischen Visionen zurück.
Der Vater - siehe dieses Zitat auf Seite 40 - ist der Meinung, dass wir von der Vergangenheit nur etwas über die reale Sprachhistorie erfahren können. Sein Sohn ist da schon auf anderen Wegen. Selbst die Neigung, altnordische Sprachen und Mythen zu lernen, begreift der Vater nicht mehr. Aber sein Sohn erkennt die "sterblichen Grenzen" nicht an, anders also als sein Vater.
3. Alboin alter ego Tolkiens?
Ein Dichter legt in jede seiner Figuren eigene Erfahrungen, aber er bildet sich in der Regel nicht in einer einzigen ab. So gesehen sind alle Figuren, die er je geschaffen hat, ein Splitter seines Bewusstseins oder auch Unbewusstseins.
Ich glaube nicht, dass Tolkien von dem Verlangen getrieben wurde, seine persönliche Kindheit immer und immer wieder in seinen Büchern zu gestalten und so seinem Ego zu frönen. Zumal hier ja auch eine Art Science-Fiction-Roman vorliegt, in der Tolkien spielerisch Modelle durchgeht, die in der Realität nicht möglich sind. Er geht vielleicht von eigenen Überlegungen aus, aber was er dann gestaltet, ist nur Dichtung; vielleicht eine Art Experiment, wie wit man mit Dichtung kommt?
4. Der Name "Lost Road"
Ich denke, dass ein Dichter mit jedem Werk seine Themen von einer anderen Seite angeht. Also dass dieser Titel vermutlich dann doch nicht einfach eine Wiederholung anderer Werke ist, sondern eine Fortsetzung oder Weiterentwicklung. Wenn man sich gleich auf andere Werke festlegt - ach ja, das ist woanders ja genauso -, dann nimmt man sich die Chance, das Neue speziell in diesem Werk zu entdecken.
Es könnte nämlich sein - darüber kann man dann vielleicht am Ende diskutieren -, dass nicht Alboin oder wer den Weg verloren haben, sondern die "an der anderen Seite". Die, die nicht mehr zurückkönnen, weil die Erde gekrümmt wurde.
Denn immerhin geht die Aktivität ja von den anderen aus - von denen, die die Wortbotschaften senden.
Ich will mich da nicht festlegen, zumal das alles sehr vieldeutig ist. Und es kann auch noch
ganz anders sein.
Wo seid Ihr anderer Meinung, wo der gleichen?