Eriol sagte am 25.Jun 2007, 16:13:
Wenn wir annehmen, das 1938/39 richtig ist, so könnte es sein, dass Tolkien sich durch die Forderung seines Verlegers den Hobbit fortzusetzen, an seiner eigentlichen Arbeit am Silmarillion gehindert sieht.
Ich stelle mal eine Gegenfrage: Aus welchen Gründen, glaubst Du, schreiben Dichter ihre Werke?
Aus welchen Motiven heraus ist die
Odyssee geschrieben worden? Der
Faust?
Meinst Du, es müssen unbedingt persönliche Alltagsschwierigkeiten sein, die Dichter an den Schreibtisch treiben, und die er mit seinem Werk abreagieren will? Und wenn man diese Alltagsschwierigkeiten gefunden hat, dann ist man dem Sinn des Werkes auf der Spur?
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Ich denke, der Schluss Niggle ist nicht verheiratet und hat keine Freunde, daher nicht Tolkien, ist vielleicht etwas zu kurz gegriffen.
Es ist sehr zentral für die Geschichte, dass Niggle nicht einen einzigen Freund hat, mit dem er über seine Kunst reden kann. Lies mal die Stelle nach, wo Niggle sich tief wünscht, dass ihm mal jemand die Hand auf die Schulter legt und sagt: "Schön, was du machst. Mach weiter so."
Diese Figur hat Tolkien geschaffen. Wie also kann das ein Selbstportrait sein? Und warum überhaupt sollte Tolkien ein Selbstportrait schaffen, er, der immer wieder sagt, man solle sich selber nicht so wichtig nehmen?
Und warum wird Tolkien nicht zugetraut, dass er ein Problem schildern kann, dass gar nicht er selber hat, sondern die Gesellschaft hat? Glaubst Du, dass Tolkien ein so schlechter Dichter war, dass er nur über sich selber schreiben kann?
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Für mich könnten diese ganzen 'Pflichten', die Niggle erledigen muss, für all das tägliche 'Klein Klein' - für Vorlesungen, Korrekturen, das gesellschaftliche Leben usw. - stehen, die Tolkien von der Arbeit am Silmarillion abhalten.
Könnte, könnte auch nicht. Ich verstehe Tolkien insgesamt so, dass er nicht sein Privatleben mit seinen Geschichten aufarbeitet, sondern seiner Zeit, seiner Gesellschaft einen Spiegel vorhält.
Ob aber das eine oder das andere, kann erst die Analyse der Geschichte ergeben. Vorher schon den Filter über eine Geschichte legen, ist bei literarischen Werken immer schlecht. Weil man dann halt nur das drin lesen will, was man schon vorher entschieden hat. Man entscheidet sich also, dass Niggle=Tolkien - nur, weil ein paar Ähnlichkeiten da zu sein scheinen - und schon übersieht man alles, was dagegen sprechen könnte.
Ich empfehle, erst mal die Erzählung Abschnitt für Abschnitt zu besprechen oder die einzelnen Charaktere in ihrer Enwicklung zu verfolgen. Dann stehen die Untersuchungsergebnisse nämlich am Ende und nicht schon am Anfang.
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Ich habe neben den 'Verschollenen Geschichten' und den 'Nachrichten aus Mittelerde' im englischen Original nur den LotR gelesen. Mir fehlt daher das Wissen aus den HoME. Aber allein schon die drei o.g. Bücher lassen erahnen, wie 'pedantisch' Tolkien gearbeitet hat. Wie oft hat er an einer Stelle Namen und Bezüge geändert und dann begonnen, ganze Geschichtszyklen neu zu ordnen und umzuschreiben. Das hat schon zu einem gewissen Teil die Züge von Niggle - eines Tüftlers, der auf jedes einzelne Detail eines Blattes so viel Wert legt, dass sein Gesamtwerk nicht fertig wird.
Das steht aber so nicht in der Geschichte. Ganz im Gegenteil wird dargestellt, wie meditativ er ein Blatt zeichnet, wie er das Sonenlicht auf ihm einzufangen sucht. Immerhin hält jemand ja gerade dieses eine Blatt für hohe Kunst. Dass das Ganze nicht fertig wird, liegt daran, dass er zu viele Verpflichtungen hat, die ihm keiner abnimmt. Er muss für den Nachbarn mitsorgen, der Nachbar aber kümmert sich nicht um ihn. Für mich ist das der Punkt. Künstlersein ist nicht wie am Fließband arbeiten. Man kann nicht auf Sirenenalarm anfangen und auf Sirenenalarm aufhören. Diese Dinge leben in einem, wachsen, und wenn man ständig abgelenkt wird, wird aus dem Werk nichts. Frag mal irgend einen Künstler. Es gibt genau aus diesem Grund viele gescheiterte Künstler, weil sie keine Familie haben, die die Alltagslast von ihnen fernhalten.
Das ist für mich der eine Punkt, und der andere ist die absolut fehlende Akzeptanz seitens der Gesellschaft. Es wird mit der Polizei gedroht, weil er seinen Rasen nicht gemäht hat. Niemand unterstützt ihn seelisch. Das hält auch der robusteste nicht aus.
Tolkien hat in diesem Niggle ein Extrem geschaffen, eine Figur wie bei Beckett oder Brecht. Es sind moderne isolierte Figuren, ohne richtigen Namen, mehr Prototypen, die einen bestimmten Gesichtspunkt unserer Gesellschaft spiegeln. Tolkien mag eine solche Existenz in sich gespürt haben. Einen Grundkonflikt, der in unserer Gesellschaft vorhanden ist. Er mag ihn in Krisensituationen auch besonders stark empfunden haben. Aber da diese Erzählung ja mehr ein Traum war als eine ausgefeilte Geschichte - Tolkien erzählt mehrmals, dass sie nach dem Aufwachen fix und fertig in seinem Kopf war, und dass er nur ein paar Stunden brauchte, um sie aufzuschreiben, und daran auch nichts mehr korrigieren musste wie sonst -, denke ich eher, dass diese Erzählung überhaupt nicht auf einem konkreten Anlass beruhte, sondern auf einer lang gewachsenen Erkenntnis, die sich ihm dann plötzlich als fertige Geschichte präsentierte.
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Für mich als einen einfachen "geneigten Leser", der die ganzen literaturhistorischen Hintergründe nicht kennt, drängen sich die Paralelle zwischen Niggle und Tolkien in der ersten Hälfte der Geschichte ganz einfach auf.
Es ist ja nur gut, wenn man diese Hintergründe nicht kennt. Aber es bist im Moment ja Du, der meint Tolkien zu kennen und aufgrund dieses Wissens die Geschichte deuten zu können.
Es ist immer besser, unvoreingenommen heranzugehen. Vielleicht schaffst Du es ja noch, diese Fixierung auf
eine Idee los zu werden?
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Um so verwirrender wird dann für mich der zweite Teil. Diesen weiss ich einfach nicht richtig einzuordnen.
Wünscht sich Tolkien, dass ihm jemand hilft, zielgerichterter zu arbeiten?
Erkennt er seine eigene Pedanterie als ein Hindernis auf dem Weg zum 'großen Ganzen', zu dem Baum?
Wenn man davon ausgeht, dass Literatur dem Autor dazu dient, seine Alltagsprobleme zu formulieren, dann wird der zweite Teil wohl auch so gesehen, dass Niggle nur einen Managerkurs machen muss, und schon ist alles wieder gut. Dass Du das nicht so siehst, sondern Fragezeichen hast, ist ein gutes Zeichen, finde ich.
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Wie gesagt ist Tree and Leaf für mich das unverständlichste, verwirrenste Werk und ich würde mir wünschen, dass ich hier in dieser Diskussion vielleicht ein paar Hinweise bekomme, die mir helfen es für mich zu entschlüsseln.
Das klingt doch gut.
Dieser Beitrag wurde von Wando bearbeitet: 27. Juni 2007 - 00:56 Uhr